Meinung : Sag’ zum Abschied leise servus

Stoiber – kommt er, bleibt er, fragen alle. Die Frage ist: Bleibt er überhaupt, was er ist?

Stephan-Andreas Casdorff

Jetzt beginnt, was alle erwartet haben: das Powerplay. Im Kanzleramt fühlen sie sich gewappnet, glauben die Truppen hinter ihrem Gerd Julius C., bis auf Kurt Beck, aber der hat vielleicht schlicht die Lage noch nicht ganz erfasst. Bei der Union fühlen sie sich – ja, wie? Unwohl, wenn man die einschlägigen Interviews von Peter Müller und Horst Seehofer liest über den Mangel an Visionen und den Mangel an der richtigen Vorstellung von dem, was soziale, wohlgemerkt, Marktwirtschaft sei. Und dann kommt Günther Beckstein und spricht davon, dass ein Wechsel Edmund Stoibers nach Berlin nicht auszuschließen ist – aber als Kanzler!

Ja, das Powerplay. Schauen wir uns mal an, wer da bei der Union die nötige Power hat. Müller, Koch, Wulff, alle sind schon besungen, ihre Interessen sind hin- und hergewendet, will sagen: Wer zuerst zuckt, hat verloren, der kann nicht mehr Kanzler werden. Das ist wie weiland bei Kohl, da kam auch keiner aus der Deckung, und Wolfgang Schäuble konnte es nicht tun, Kohl nicht verdrängen, dann wäre er es selbst ja nicht geworden. Bleibt es also so, wie es ist?

Nein, es bleibt der Doyen der Herausforderer, Stoiber. Am Mittwoch wird er 64. Und, was will der? Ja, wenn man’s wüsste. Der Bayer hat sich vor der Wahl nicht konkret eingelassen, und nach der Wahl ist es auch nicht anders. Der Zauderer aus München. Könnte man meinen. Tatsächlich ist es aber auch so, dass die Lage vorher schlecht für ihn war, und nur jetzt noch schlechter werden kann, jeden Tag, den Merkel bleibt. Denn auch in Stoibers CSU beginnt ein Grummeln. Keines der Wahlziele ist erreicht, und einer muss Schuld haben.

Fassen wir zusammen: Die Union bei 35 Prozent (mit denen Kohl 1998 abgewählt wurde), die CSU mit Abstand schwächste Kraft im neuen Bundesparlament mit umgerechnet 7,2 Prozent der Stimmen, in Bayern unter 50 Prozent, was alles zusammen einer Katastrophe gleichkommt. Immerhin behauptet die CSU, sie sei die Partei, die das schöne Bayern erst so richtig erfunden habe.

Aber damit nicht genug. Das Wahlprogramm, von den zwei Stoiber-Lieblingen Erwin Huber und Markus Söder zusammengeschrieben und dermaßen angepriesen, dass man glauben konnte, hier werde die Politik neu erfunden („spannender als ein Krimi“) – inzwischen finden es nicht wenige in der CSU einen Schmarrn. Was heißt: Die Chancen Hubers auf die Nachfolge Stoibers in Bayern sinken, die Chancen Söders auf eine Nachfolger Hubers auch. Ist der Stoiber „Edel“, wie ihn seine Frau nennt, da überhaupt verzichtbar?

Powerplay! Wichtig ist für die CSU die nächste Landtagswahl, 2008. Da darf sie nicht abschmieren. Die Frage ist, wer ihr zur größtmöglichen Stärke zurückverhilft. Stoibers Stärke ist darin begründet, dass er von morgens sechs bis in die Nacht rackert und Vermerke büffelt. Nur, ganz allmählich muss auch er dem Tempo Tribut zollen. Also nach Berlin? In Berlin würde das Tempo nicht geringer. Außenminister könnte Stoiber bloß unter Schröder werden. Will er Verkehrsminister sein, und zuständig für den Aufbau Ost? Stoiber für „die Frustrierten“, wär das ein Witz.

Aber Beckstein, der macht keinen. Der Abschied von Stoiber hat begonnen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben