Meinung : Schizophrenie als Strategie

Malte Lehming

Drei Länder, eine Frage. Was wollen die USA gegen die "Achse des Bösen" unternehmen? Bleibt es beim Druck oder kommt es zum Krieg? Es war erwartet worden, dass der amerikanische Präsident George W. Bush auf seiner Asienreise - ob in Japan, Südkorea oder China - darauf eine Antwort geben würde. Alle drei von ihm besuchten Länder sind Nachbarn des kommunistischen Regimes in Nordkorea, das Bush in seiner Rede an die Nation ausdrücklich als "böse Macht" gegeißelt hatte. Aber was heißt das konkret? Wollte Bush lediglich ein bisschen Dampf ablassen oder hat er den nächsten Waffengang angekündigt?

Es gibt auf dieser Reise jedoch keine klare Antwort. Das macht Sinn, denn es ist Teil der US-Strategie, die "bösen Mächte" nachhaltig zu verunsichern. In Bagdad, Teheran und Pjöngjang soll sich Angst vor den Amerikanern verbreiten. Diese Angst kann der erste Schritt im Kampf gegen den Terror sein.

Die Intentionen von Bush dürfen deshalb nicht einfach entschlüsselt werden. Eine gewisse Schizophrenie in seinen Äußerungen ist beabsichtigt. Kein Wunder, dass seit seiner Rede an die Nation die Einschätzungen regelmäßig abwechseln. "Bush bekräftigt seine Entschlossenheit", heißt es heute, "USA haben keine akuten Angriffspläne", hört man morgen. Daraus kann keiner schlau werden, weil keiner schlau werden soll.

Auch die amerikanischen Partner müssen lernen, mit den bewusst widersprüchlich lancierten Signalen zu leben. Seoul etwa setzt noch immer auf einen Dialog mit dem Norden. Für seine "Sonnenscheinpolitik" ist Kim Dae Jung oft bewundert worden. Das Gipfeltreffen im Juni 2000 mit dem nordkoreanischen Staatschef Kim Jong Il gilt als historisch. Was deutsche Sozialdemokraten einst mit ihrer Ostpolitik eingeleitet hatten, wollte er in Ostasien beenden. Doch seit Bush darf die Sonne nur noch manchmal scheinen. Mal befürwortet der Texaner den Dialog, mal poltert er gegen die nordkoreanischen Raketenexporte und das Nuklearprogramm.

Was also plant dieser Mann? Wenn das Weiße Haus demnächst eine Bilanz von Bushs Asienreise zieht, wird man zufrieden sein. Ernsthafte Probleme gab es nirgendwo. Der Satz von Bush, er sei überzeugt, dass das 21. Jahrhundert ein "pazifisches Jahrhundert" wird, wirkte wie Balsam. Südkorea ist weiterhin auf eine starke US-Militärpräsenz angewiesen. Die Kritik an Washington beschränkte sich auf Demonstrationen. China schließlich hat sich unausgesprochen auf einen Pakt eingelassen: Wenn die USA die Machthaber in Peking nicht durch Humanitäts- und Demokratieforderungen in Verlegenheit bringen, dann dürfen sie sämtliche Anti-Terrorpläne in die Tat umsetzen. Das schließt die Jagd nach Osama bin Laden bis an die chinesische Grenze ebenso mit ein wie den Aufbau von US-Militärstützpunkten in Zentralasien.

Doch der größte Erfolg seiner Reise ist die dauerhafte Ungewissheit, in die Bush die gesamte Welt über seine weiteren Pläne gestürzt hat. Wenn selbst die Verbündeten besorgt sind, hat die Drohung funktioniert. Alle europäischen und asiatischen Politiker, die vor dem nächsten Krieg warnen, sind Washington willkommen. Denn sie zeigen vor allem den "bösen Mächten", wie ernst es der US-Administration ist.

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