Meinung : Schlechte Pädagogen

Bush denkt mehr ans Rechthaben als an die Zukunft – Chirac und Schröder auch?

Christoph von Marschall

Vielleicht muss man ja wirklich das Christentum studieren, um George W. Bush und seine Politik zu verstehen. Fehler vergibt er offenbar lieber seinen Feinden als seinen Freunden. Nun hat es in Amerikas Außenpolitik gute Tradition, die Gegner von einst zu Verbündeten zu machen. NaziDeutschland und Japan wurden nach 1945 gewonnen, freilich nicht aus christlichen Motiven, sondern aus weitsichtigem Interesse. Das gleiche Konzept gilt nun im Irak.

George W. Bush überhöht das christliche Prinzip, wenn er langjährigen Gegnern leichter verzeiht als alten Alliierten. Als Konsequenz aus dem Irak-Streit mit Europa hat das Weiße Haus die Losung ausgegeben: Bush wolle Russland seine Unbotmäßigkeit vergeben, Frankreich bestrafen und Deutschland ignorieren. Was daran bedrückt, ist nicht die unverblümte Sprache. An der mangelte es auch in der amerikanischen Erfolgsformel für die Nato nicht. Deren Sinn bestand für Europa darin „to keep the Germans down, the Russians out and the Americans in“ – und niemand hat sich über diese Klarheit beschwert.

Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Dreizeilern ist: Der über die Nato drückt eine interessenorientierte Strategie für die Zukunft aus, der über die Folgen des Irak-Kriegs nur rückwärts gewandte Rechthaberei. Und Rachsucht. Das betrifft auch die Türkei, von der Bush erwartet, dass sie sich für die misslungene Parlamentsabstimmung über den amerikanischen Truppentransit zur Eröffnung einer Nordfront zu Beginn des Irak-Kriegs entschuldigt. Als wäre die Türkei nicht gestraft genug durch verlorene Wirtschaftshilfe und die neue Kurden-Frage.

So gesehen, ist das Manko weniger, dass zu wenige Bush-Interpreten das Christentum studieren. Sondern eher, dass Bush zu wenig von Psychologie versteht. Wer so sehr an Strafe denkt und so wenig an verlockende Motivation, ist ein schlechter Pädagoge. Er braucht die Mitglieder des UN-Sicherheitsrats doch für die Aufhebung der Sanktionen; mit Saddam Husseins Sturz ist ihr Grund entfallen, aber deshalb fallen sie nicht automatisch. Ausdrücklich beschlossen werden muss auch ein UN-Mandat für die Nachkriegsverwaltung. Nicht, weil Frankreich und Deutschland dann Friedenstruppen schicken, sondern weil am UN-Mandat die Bereitschaft vieler anderer hängt, mitzutun.

Und Bushs Rivalen? Das wird sich bei den Beratungen im Sicherheitsrat zeigen. Noch versteifen sich auch Wladimir Putin und Jacques Chirac aufs Rechthaben. Zumindest taktisch. Der Aufhebung der Sanktionen wollen sie erst zustimmen, wenn Amerika nachgewiesen hat, dass der Irak frei von Massenvernichtungswaffen war. Das scheint plausibel, denn das war der offizielle Kriegsgrund. Tatsächlich suchen Moskau und Paris nur einen Vorwand. Sobald die Sanktionen enden, verlieren sie milliardenschwere Aufträge aus dem UN-kontrollierten Handel mit dem Irak.

In der Debatte um echte und falsche Kriegsgründe soll Europa ruhig nachtragend sein. Aber gegenüber Bush, nicht gegenüber den Irakern. Wer an deren Zukunft denkt, muss alle Hindernisse für den Wiederaufbau rasch beseitigen.

Kanzler Schröder ist vorsichtiger geworden. Fehler mag er zwar nicht einräumen, aber er vermeidet auch Rechthaberei gegenüber Bush. Und will in den UN nichts blockieren. Dazu hat er eine Maxime für die deutsche Außenpolitik bekräftigt – ohne allerdings klar zu sagen, gegen wen sich die Warnung richtet: Niemand dürfe Deutschland vor die Wahl zwischen Amerika und Frankreich stellen. Wie war das doch gleich im Irak? Hat Amerika da jemals von Berlin verlangt, sich offensiv gegen Frankreich zu stellen. Oder war es umgekehrt ein Pariser Ansinnen, gemeinsam Washington in den Arm zu fallen? Am Ende hat es der Kanzler selbst in der Hand, seinem Rat zu folgen. Deutschland ist souverän.

Vor ähnlich unsinnige Alternativen wollen auch andere nicht gestellt werden. Niemand sollte Polen, Tschechen, Ungarn zwingen, zwischen Amerika und Europa zu wählen.

Konflikte wird es dennoch geben, die Interessen Amerikas und Europas sind oft, aber nicht immer die gleichen. Die lassen sich jedoch bei Beachtung weniger Regeln beherrschen. Zukunftsinteressen wiegen schwerer als Rechthaben in vergangenen Konflikten. Keine Bündnisse mit erstrangigen Partnern gegen andere erstrangige Partner. Proeuropäische Politik hat ihre Grenze, wo sie wertvolle transatlantische Strukturen zu unterminieren droht – und umgekehrt. Wer da keine Fehler macht, dem muss auch nichts verziehen werden.

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