Meinung : Schmährufe aus den Wagenburgen

Die Politik wartet vergeblich auf praktischen Rat. Denn die deutsche Wirtschaftswissenschaft pflegt ihr Lagerdenken.

Carsten Brönstrup

Deutschland verarmt – doch was man dagegen tun kann, weiß niemand. Dabei gibt es rund 2000 Wissenschaftler, die ständig rechnen und denken, analysieren und planen, um das Land zu retten – in der Theorie. Ein schlüssiges politisches Konzept für die Praxis, für einen raschen, kräftigen Aufschwung kann die Politik daraus aber nicht ableiten. Denn die Professoren pflegen einen jahrzehntealten Grundsatzstreit. Und den Beweis, dass auch nur eine ihrer Ideen den Praxistest besteht, bleiben sie schuldig. Im Moment finden sie zum Beispiel staatliches Geldausgeben wieder sexy. Davor war es striktes Sparen. Und davor der immerwährende Aufschwung durch die New Economy.

Dabei erhoffen die Menschen von der Ökonomie so praxisnahe Ratschläge wie von kaum einer anderen Disziplin; der Rat der „Sachverständigen“ wird gläubig aufgenommen. Denn bei der Wirtschaft geht es um Schicksale und Lebensperspektiven, in Kategorien, die nüchtern und berechenbar erscheinen: Geld und handfeste Zahlen. Die Forscher sitzen an den Universitäten, in Expertengremien von Ministerien, Parlamenten und Lobbyverbänden. Außerdem betreiben gut 30 kleine und große Institute Grundlagenforschung. Sie machen sich Gedanken über die Volkswirtschaft, über das Zusammenspiel von Verbrauchern, Firmen und Staat, über die Konjunktur, Geldpolitik, Außenwirtschaft, Arbeitsmärkte, das Finanzsystem und vieles mehr. Das kostet den Steuerzahler pro Jahr hunderte Millionen Euro. Trotzdem agiert die Regierung in Wirtschaftsfragen wirr und planlos. Sie weiß nicht nur nicht, was sie will. Sie weiß noch nicht einmal, was sie wollen soll – weil die Wissenschaft es auch nicht genau weiß.

In den letzten Jahren empfahl der Mainstream der Experten liberale, angebotsorientierte Veränderungen: Der Staat sollte weniger ausgeben, den Menschen mehr Verantwortung für ihre soziale Sicherung zumuten, es sollten Steuern gesenkt und Subventionen gestrichen werden. Die Protagonisten dieser Schule sind die Professoren im Sachverständigenrat, die „Fünf Weisen“. Nur einer von ihnen, der gerade aus dem Rat ausgeschiedene Berliner Professor Jürgen Kromphardt, arbeitete sich an Minderheitenpositionen ab und erinnerte daran, auch an die Nachfrageseite der Volkswirtschaft zu denken. Die anderen vier blieben bei ihrem Dogma. Ihr großes Jahr kam 2003: Der Kanzler machte sich ganze Passagen aus Gutachten der „Weisen“ zu eigen – und verkaufte sie als seine Agenda 2010.

Gebracht hat sie für die Konjunktur bislang nichts. Zwar entkam Deutschland der Rezession. Aber die wissenschaftlichen Ratgeber hatten den geringsten Anteil daran. Die Weltwirtschaft boomt, die USA sind wieder die Wachstumslokomotive mit einem Plus beim Bruttoinlandsprodukt von vier Prozent, und auch in Asien geht es aufwärts. Hier zu Lande nimmt die Wirtschaftsleistung allenfalls um 1,5 Prozent zu, und das allein dank der starken Exportwirtschaft. Statt neue Maschinen und Fabriken in der Republik aufzustellen, denken die Unternehmer lieber über Produktionsverlagerung ins Ausland nach. Die Verbraucher halten das Geld zusammen, statt shoppen zu gehen. 2003 legten sie rund 150 Milliarden Euro auf die hohe Kante. Die Agenda 2010 war nicht radikal genug – das ist alles, was den Professoren jetzt dazu einfällt.

Klarer Fall von falscher Beratung, argumentieren nun die Wirtschaftswissenschaftler vom anderen Ufer. Angebotstheorie und die Spardoktrin hätten uns die Krise überhaupt erst eingebrockt. Der Staat müsse mehr für die Gesamtnachfrage tun. Sie waren in der Ökonomen-Szene lange eine belächelte Minderheit – Heiner Flassbeck etwa, einst Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, der Bremer Rudolf Hickel, Hobby-Ökonomen wie Oskar Lafontaine und ein paar Gewerkschafter auf Sinnsuche. Wenn sie auf Fachtagungen eine stärkere Rolle des Staates forderten, ernteten sie Stirnrunzeln und wurden als Weltverbesserer abgestempelt. Was wahr ist, bestimmte die Mehrheit.

Doch jetzt werden Stimmen lauter, denen zufolge der Staat beim Geldausgeben nicht kleinlich sein dürfe. Vorbild: USA. Mitten in der Krise neue Sparpakete aufzulegen, halten zwei der sechs führenden Forschungsinstitute, die in Berlin und Halle, für Unfug. Im Frühjahrsgutachten rieten sie der Koalition davon ab – und sei es um den Preis, damit den EU-Stabilitätspakt zu beerdigen. Der neue Wirtschaftsweise und Kromphardt-Nachfolger Peter Bofinger plädiert für mehr staatliche Investitionen. Selbst Dennis Snower, designierter Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft – bislang ein erzliberales Haus – ließ Sympathie für eine stärkere Rolle des Staates bei der Konjunkturbeeinflussung erkennen. Und Michael Burda, Fachmann von der Berliner Humboldt-Universität, fordert massive Steuersenkungen – „wie bei Reagan“.

Die Folge: Schmährufe der Angebotstheoretiker. Die lange geübten Reflexe funktionieren. Mehr Geld ausgeben zu wollen sei angesichts turmhoher Staatsschulden weltfremd, lästern sie. „Herr Bofinger versteht ja in erster Linie etwas von Zentralbanken“, sprach ihm ein renommierter Kollege die Kompetenz in Sachen Staatsfinanzen ab. Andere reagierten mit den üblichen Sparappellen. Die Wirtschaftsweisen verweisen auf ihr jüngstes Gutachten. Darin fordern sie eine Kombination von Ausgabenkürzungen, höheren Investitionen, Steuersenkungen und Einhalten des Stabilitätspaktes – die Quadratur des Kreises also.

Der Grundsatzstreit der Experten geht weit zurück. Der britische Mathematiker John Maynard Keynes hatte die Theorie von der Steuerung der Konjunktur in den 1930er Jahren erfunden und den Politikern empfohlen, bei Anzeichen einer Krise Geld in die Wirtschaft zu pumpen. So könnten Rezessionen vermieden und Massenarbeitslosigkeit verhindert werden. Antizyklische Globalsteuerung nennen die Ökonomen das.

In der Praxis hat diese Theorie freilich nie funktioniert – das haben die Versuche der sozialliberalen Regierung in den siebziger Jahren gezeigt. Gescheitert ist die Globalsteuerung an der Unfähigkeit der Politik, nach Krisen die Boomphasen zu nutzen, um die staatlichen Milliardendefizite wieder abzubauen. Und an trägen Staatsapparaten, die auf Rezessionen nicht rasch genug reagieren. Zudem können die Statistiker eine tiefe Krise erst zweifelsfrei feststellen, wenn sie fast schon wieder vorüber ist. Immer wieder sind die Politiker mit ihren Ausgabenprogrammen zu spät gekommen – sie geben das Geld aus, wenn es schon nicht mehr nötig ist. Praktisch handelt die Politik also prozyklisch, wo Keynes antizyklische Steuerung verlangt. Und es passiert genau das, was Keynes’ Theorie verhindern will: Der Aufschwung wird durch Geld zusätzlich befeuert, der Abschwung durch Sparprogramme verschärft.

Dass hier zu Lande kaum jemand etwas von Keynes wissen will, liegt an der Geschichte der Nationalökonomie im vergangenen Jahrhundert. Als in den 30er Jahren überall auf der Welt die Professoren begeistert über Keynes diskutierten und Regierungen begannen, mit seinen Empfehlungen zu experimentieren, versank Deutschland in der Nazi-Diktatur. Die deutschen Volkswirte konnten nicht mitreden, weil sie abgeschottet waren oder im Exil saßen. Und statt nach dem Krieg zur internationalen Fachwelt aufzuschließen, fochten sie erst einmal einen Grundsatzstreit: Sollte die neue Republik ein sozialistisches Wirtschaftssystem bekommen – oder ein marktwirtschaftliches?

Die Ordoliberalen setzten sich mit ihrem Konzept der sozialen Marktwirtschaft bei den Westalliierten und bei den Vätern des Grundgesetzes durch. Und legten so den Grundstein für das Wirtschaftswunder, für die D-Mark, kurz: für die Nachkriegsidentität Westdeutschlands. Zwar gewannen Ende der 60er Jahre die Keynes’schen Konzepte der Konjunktursteuerung an Einfluss. Die wohlstandsverwöhnte Republik erlebte erstmals eine echte Wirtschaftskrise und setzte auf den Staat als Retter. Das ging schief. „Die Pferde müssen saufen“, jammerte der damalige SPD-Wirtschaftsminister Karl Schiller, als die Konjunktur trotz der Ausgabenprogramme nicht recht in Gang kam. An dieser Niederlage, für die Mitte der 70er Jahre der Begriff Stagflation geprägt wurde, knabbern die Vertreter der Nachfrage-Schule bis heute.

Wegen dieses hergebrachten Lagerdenkens von linker oder liberaler Wahrheit tun sich die deutschen Wirtschaftstheoretiker schwer, ihren Politikern pragmatische und umsetzbare Ratschläge an die Hand zu geben. Hinzu kommen die analytischen Probleme. Was ist verantwortlich für die vertrackte Wirtschaftslage? Die schlechte Stimmung und die miese Nachfrage? Oder die Struktur unserer Wirtschaft, weil zu viel geregelt ist, die Maschinen im Land veraltet, die Menschen immer weniger und im Schnitt immer älter werden – Faktoren, die wie eine eingebaute Wachstumsbremse wirken. Geht es der Wirtschaft wie dem Patienten, der von langer Krankheit geschwächt, nicht mehr richtig auf die Beine kommt?

Und natürlich gibt die Psyche des Verbrauchers den Forschern Rätsel auf. Sie können nur schwer vorhersagen, wie er auf höhere Steuern, sinkende Zinsen oder schwankende Wechselkurse reagiert. Zwar schwant auch den Experten, was der gesunde Menschenverstand weiß, dass nämlich der Mensch nicht rational handelt, sondern sprunghaft ist, von Ideen und Stimmungen getrieben wird. Ratschläge für die Politikberatung kann die Wissenschaft aber noch nicht liefern – das Forschungsfeld steckt noch in den Kinderschuhen.

Dabei bräuchte die Politik gerade jetzt Hinweise, damit wieder mehr eingekauft wird. Seit dem Jahr 2000 hat die Regierung die direkten Steuern um jährlich 52 Milliarden Euro gesenkt. Doch die Leute legen das Geld lieber auf ihre Sparbücher. Aus Angst vor der Zukunft, vor neuen Reformen, vor Steuererhöhungen, analysieren die Professoren. Wie die Regierung aus dieser Angstfalle herauskommt, können sie nicht sagen.

Paradoxerweise galten Wissenschaftler lange als Exoten, die dieses rätselhafte Verhalten und die Auswirkung auf die Volkswirtschaft erforschen. Ernst genommen werden sie erst, seit der Bonner Reinhard Selten als erster Deutscher den Nobelpreis für Ökonomie gewonnen hat – für seine Forschung auf dem Feld der Spieltheorie. In Amerika finden solch kluge Köpfe längst mehr Beachtung, nicht nur in der Fachwelt. Seltens Kollege und Nobelpreisträger John Nash wurde zum umjubelten Star, nachdem Hollywood sein Leben in dem Film „A beautiful mind“ gewürdigt hatte.

Mit ihren Streitigkeiten und Erkenntnisproblemen haben sich die deutschen Volkswirte selbst das Wasser abgegraben. Hinzu kommt, dass die Wissenschaft und die Politik ein schwieriges Verhältnis pflegen. Wer als Ökonom nennenswerten Einfluss auf die Gesetzgebung gewinnen will, muss in Deutschland schon ganz dicke Kumpel in der Politik haben. Ohne diesen Sympathiebonus landen die Gutachten von hochkarätig besetzten Sachverständigenräten oder wissenschaftlichen Beiräten in den Schubladen, und Volksvertreter reden vom „Professorengeschwätz“. Ministerialreferenten haben bei Gesetzesentwürfen eine gewichtigere Stimme. Deshalb strebt kaum ein talentierter Wissenschaftler in die Politik. Anders in den USA: Dort sammelt der Präsident die angesehensten Ökonomen des Landes in seinem Beraterstab – und lässt ihnen die Freiheit, aus Ideen Gesetze zu machen.

Viele Forscher wollen nicht einmal Berater der Politik werden. Als der Chefposten beim Kieler Institut, eine der besten Adressen im Land, besetzt werden musste, winkten Kandidaten wie Martin Hellwig oder Michael Burda ab. Viel Feind, wenig Ehr – da stimmen die Relationen nicht. Beide hätten gern aus dem Institut einen praxisnahen Think-Tank gemacht. Doch zu schmale Budgets verhinderten dies. Ähnlich schwierig war schon die Kandidatensuche beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen gewesen.

Kein Einfluss, kein Geld, keine Stimme: Nach Lage der Dinge haben es die deutschen Ökonomen nicht besser verdient. Obwohl sie von sich behaupten, einen fundamentalen Wissenschaftsstreit auszutragen, sind es doch nur Moden, an denen sie sich abarbeiten. Eine angemessene Aufgabenbeschreibung für die Nationalökonomie im 21. Jahrhundert stammt übrigens von einem Politiker. „Es geht nicht um linke oder rechte Wirtschaftspolitik, sondern um moderne oder unmoderne.“ Hat Gerhard Schröder gesagt, bevor er Kanzler wurde.

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