Meinung : Schweiz: Ein Land zweifelt an sich selbst

Nach einer Schrecksekunde, die allerdings zwei Tage dauerte, hat die schweizerische Regierung tief in die Tasche gegriffen, und so besteht eine gewisse Aussicht, dass der Absturz der schweizerischen Fluggesellschaft Swissair nicht endgültig ist. Aber, um es in dem bildhaften Schweizer O-Ton zu sagen, den die "Neue Zürcher Zeitung" anschlug: Keine Geiß schleckt weg, dass das Land einen schweren Schlag erlitten hat. Die Flugzeuge, die wie kaum etwas anderes das stolze Schweizerkreuz in der Welt vorführten, am Boden, unter Umständen, die hart am Rande der Lächerlichkeit sind! Dabei hatten eben erst die Schüsse eines Amokläufers im Zuger Regionalparlament das Selbstgefühl der Schweizer herausgefordert. Auch deshalb hat das Swissair-Debakel das Land, das sich selbst so gerne als Verkörperung von Solidität und Verlässlichkeit sieht, tief verunsichert, ja, traumatisiert.

Es ist nicht nur der Image-Schaden, der schwer ins Schweizer Gemüt fällt. Gewiss, die Überzeugung, dass in der Schweiz die Uhren anders gehen als anderswo - nämlich, vor allem, genauer, ruhiger und stoßfreier - ist schon seit längerer Zeit angekratzt. Spätestens seit der Vergangenheitsbewältigungs-Debatte über den Umgang der Schweizer Banken mit Nazi-Flucht-Geld hat das Land den Nimbus der über alle Zweifel erhabenen bieder-bürgerlichen Rechtschaffenheit eingebüßt. Doch das Neue dieses Desasters reicht mit seinen Wirkungen hinein in die neuralgische Zone, wo sich in der Schweiz wirtschaftliche Interessen und politische Machtverhältnisse berühren. Die Swissair gehört nicht nur zu den Einrichtungen, mit denen sich viele Schweizer identifizieren; sie ist auch eine der Stützen des Establishments. Dass die Manager und Bank-Vorstände die Fluggesellschaft sehenden Auges in die Krise trudeln ließen, bis dann die üblicherweise zurückhaltende Berner Regierung eingriff, rüttelte nicht nur heftig an dem Glauben an deren Führungsfähigkeit. Es facht die Selbstzweifel der Schweizer an der Verfassung ihres Gemeinwesen insgesamt an.

Man muss, um das in seiner ganzen Brisanz zu begreifen, daran erinnern, dass das schöne Klischee einer Insel der Seligen die Schweiz schon seit geraumer Zeit nicht mehr trifft. Zwar ist das Land nach wie vor ein Monument wirtschaftlicher Stärke und bürgerschaftlicher Vitalität. Aber das tradierte Pochen auf seine Unabhängigkeit, verankert in der mit Hingabe betriebenen direkten Demokratie, befindet sich in einem strapaziösen Ringen mit der Notwendigkeit, sich auf das vereinigte Europa und die Welt einzustellen. Das hat das Land zweimal der Zerreißprobe von Referenden über die Öffnung gegenüber Europa unterworfen - beide Male mit negativem Ausgang. Und herausgewachsen aus diesem Ringen um die Seele der Schweiz ist eine Partei, die unverdrossen mit demagogischen, rechten Tönen auftrumpft: Sie, die Schweizerische Volkspartei, ist von Wahl zu Wahl stärker geworden.

Im Prozess der europäischen Entwicklung ist die Schweiz in eine prekäre Lage geraten. Nochmals die "Neue Züricher Zeitung", das Zentralorgan des Deutsch-Schweizertums: Sie beschrieb in ihrem diesjährigen Leitartikel zum 1. August, dem mit Patriotismus begangenen Nationalfeiertag, den Zustand des Landes als "Hohlform", der die emotionale Anhänglichkeit verloren gehe. In diese Hohlform hinein ist wohl - so muss man es sich vorstellen - der Absturz der Swissair erfolgt. Deshalb bedeutet dieses wirtschaftliche Debakel eine ernsthafte Probe für das Land, von dem der junge freche Hemingway witzelte, "es sei viel mehr auf und ab als seitwärts". Nun droht es erst einmal abwärts zu gehen.

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