Meinung : Sie sind das Volk

Dass US-Präsident Barack Obama sich mit markigen Reden zum Aufstand im Iran zurückhält, ist verständlich. Aber Europa – und in erster Linie Deutschland – müssten ihr Missfallen an den Praktiken des Regimes viel deutlicher bekunden.

Malte Lehming

Im Kleinreden sind wir groß. Die Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944? Ein paar frustrierte, antidemokratische Adlige, die ihren eigenen Kopf retten wollten. Die friedliche Revolution in der DDR? Viele Ossis wollten bloß Bananen und nach Mallorca. Die ersten freien Wahlen in Afghanistan und Irak? Eine von den Amerikanern inszenierte Show. Der Volksaufstand im Iran? Oppositionskandidat Mir-Hossein Mussawi ist auch bloß eine Marionette des Klerus.

Das Kleinreden hat eine Ursache. Es ist der Reflex, die innere Teilnahmslosigkeit, mitunter gar den Widerwillen gegen historische Ereignisse, zu rationalisieren. Das Weltbild soll gerettet werden. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Daher: Alle Deutsche müssen Mitläufer bleiben, alle Ossis materialistisch, alle erzwungenen Demokratien scheitern, und was im Iran geschieht, darf partout nichts zu tun haben mit Freiheitsdrang, westlichen Werten, Demokratie.

Hat es aber. Womöglich spielt Mussawi nur noch eine Nebenrolle in dem Drama, ist Projektionsfläche von Hoffnungen auf einen fundamentalen Wandel geworden. Dennoch stellt kaum jemand eine Verbindung her zwischen den Protesten der iranischen Opposition und etwa den Freiheitsbewegungen in Osteuropa. War nicht gerade Jahrestag des Aufstands vom 17. Juni 1953? Bei wie vielen rituellen Kranzniederlegungen fiel das Wort „Teheran“? Dabei müssten gerade Deutsche durch ihre doppelte Diktaturgeschichte die täglichen Nachrichten mit Gänsehaut verfolgen. Wir sind das Volk: Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall ertönt der Ruf erneut.

Dass US-Präsident Barack Obama sich mit markigen Reden zurückhält, ist verständlich. Das Mullahregime wartet nur auf einen Vorwand, die Proteste als Werk des großen Satans zu diskreditieren. Als vor zehn Jahren iranische Studenten auf die Straße gingen, wurde dies von Amerika allzu emphatisch begrüßt. Das stärkte nicht ihre Macht, sondern schmälerte sie. Ähnlich taktisch motiviert ist auch die vorsichtige israelische Reaktion. Worüber „die Zionisten“ jubeln, kann aus iranischer Perspektive niemals richtig sein.

Aber Europa – und in erster Linie Deutschland – könnten ihr Missfallen an den Praktiken des Regimes deutlicher bekunden. Nach wie vor ist Deutschland einer der wichtigsten Handelspartner des Iran, trotz Sanktionen des UN-Sicherheitsrates. Rund drei Viertel der kleinen und mittelständischen Betriebe im Iran sollen mit deutscher Technologie ausgestattet sein. Das verleiht den Ansichten der Bundesregierung Gewicht. Gute Geschäfte verpflichten zu klaren Botschaften.

Angela Merkel wollte sich einst mit dem Thema Menschenrechte, vielleicht auch wegen ihrer Ost-Biografie, von der moralnegierenden Hinnahmehaltung ihres Vorgängers absetzen. Ob in Peking oder Moskau: Die Kanzlerin zeigte Flagge – und Mut. Sie empfing sogar den Dalai Lama. Jetzt wäre es für sie an der Zeit, dem Westen in seinem Verhältnis zum Iran eine Stimme zu geben. Gerade weil andere schweigen müssen, muss sie das Wort ergreifen.

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