Slowakei und Ungarn : Wenn zwei sich streiten …

In der Krise zwischen Ungarn und der Slowakei zeigt sich der befriedende EU-Einfluss.

Gerd Appenzeller

Es ist der Stoff, aus dem vor 100 Jahren Kriege entstanden: Ein lange unterdrückter, nun höchst virulenter ethnischer Konflikt, eine umstrittene Ausdeutung der gemeinsamen Vergangenheit, die Arroganz einer früheren Großmacht und die darob hochkochende Wut der ehemaligen Vasallen. Diese Krise eskaliert ganz in unserer Nähe, zwischen zwei Mitgliedstaaten der Europäischen Union, zwischen Ungarn und der Slowakei – und sie ist alles andere als beigelegt.

Begonnen hatte es mit einem Plan der starken ungarischen Minderheit in der Slowakei. Die wollte in der Grenzstadt Komarno, in der Ungarn sogar die Bevölkerungsmehrheit stellen, eine Statue des ungarischen Nationalheiligen und ersten Königs, Stephan, aufstellen. Zum Festakt hatte der Bürgermeister nur den ungarischen Staatspräsidenten eingeladen, aber den eigenen, den slowakischen Präsidenten nicht. Die slowakische Regierung in Bratislava fand das nicht nur protokollarisch unangemessen, sondern sah in der Solo-Einladung an das Oberhaupt des Nachbarlandes eine gezielte Provokation. Deshalb verweigerte man ihm die Einreise und sperrte kurzerhand die Brücke über die Donau.

Um den Konflikt zu verstehen, muss man wissen, dass die Slowaken bis 1918 im ungarischen Teil der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn lebten, und dass für sie König Stephan kein Nationalheiliger, sondern Symbol der Jahrhunderte währenden Magyarisierung ihrer Heimat ist. Und da der slowakische Präsident nach eigenen Angaben seit fünf Jahren auf einen offiziellen Termin bei seinem ungarischen Amtskollegen wartet, ist die Empörung umso verständlicher.

Dass es nicht nur zwischen diesen beiden, sondern zwischen den meisten südosteuropäischen Ländern solche Minderheitenprobleme gibt, ist auch eine Spätfolge der ziemlich verkorksten Friedensverträge am Ende des Ersten Weltkrieges. Sie wurden von England und Frankreich vor allem unter dem Leitmotiv angelegt, die aus ihrer Sicht Alleinkriegsschuldigen, das Deutsche Reich und die k. u. k Doppelmonarchie, zu schwächen. In den sogenannten Pariser Vorortverträgen gelang das nachhaltig. Die aus London und Paris diktierten Grenzziehungen hatten annähernd die Willkürlichkeit jener der Kolonialmächte, die 50 Jahre zuvor Afrika ohne Rücksicht auf ethnische Zusammenhänge unter sich aufgeteilt hatten.

Die seitdem nie geregelten Minderheitenprobleme in den Staaten Südosteuropas wurden in der Ära des Kommunismus mit Gewalt unterdrückt. Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks sind sie offen ausgebrochen. Die davon betroffenen Nationen lernen nur schwer, mit diplomatischen Mitteln auf einen Interessenausgleich hinzuarbeiten. Gäbe es nicht die befriedende Wirkung der Europäischen Union, würden Konflikte wie der zwischen der Slowakei und Ungarn vermutlich bis hart an die Grenze eines Krieges oder sogar darüber hinaus eskalieren. Was die EU in ihrer frühen Phase als EWG im Westen bewirkt hat, wartet also im Südosten erneut als Aufgabe.

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