Meinung : So offen wie möglich

Massengräber im Irak – und der Westen schaute zu

Moritz Schuller

April 1991, an einem Checkpoint der US-Armee im Südirak. Leutnant Douglas Moore blickt auf die flüchtenden Schiiten und sagt: „Wir wären natürlich in der Lage, die zu stoppen, die da oben solche Gräueltaten begehen. Aber der Krieg ist ja vorbei.“

Manches, was die Amerikaner vor dem Irakkrieg behaupteten, war in Europa mit Skepsis aufgenommen worden. Manchen schien sogar das Bild vom blutigen Gewaltherrscher überzeichnet. Doch die Amerikaner wussten, wovon sie sprachen: Aus nächster Nähe hatten sie schließlich damals beobachten können, wie Saddam Husseins Republikanische Garden die aufständischen Schiiten abschlachteten.

Natürlich sind die Massengräber, die nun im Irak gefunden werden, nachträglich ein gutes Argument für den „Regime Change“ im Irak. Ein Regime, das Massenmord begeht, gehört, unter Umständen mit Waffengewalt, abgelöst. Darüber war man sich beim Kosovo einig. Damals reichten einige, sehr viel kleinere Massengräber, dass sich der gesamte Westen an einer Militäraktion beteiligte, die zu Recht als humanitär gepriesen wurde. Es spricht nichts dagegen, im Irak die gleichen Maßstäbe anzulegen.

Doch die Amerikaner dürften jene Bilder von Irakern, die ihre Angehörigen aus dem Schlamm kratzen, kaum als Rechtfertigung post factum nutzen. Ihr Argument für den Machtwechsel lautete, der Massenvernichter Saddam kontrolliere ebensolche Waffen. Dafür fehlen noch immer die Beweise. Doch vor allem mahnen diese Toten zu sehr an jene Tage im April 1991, als die Schiiten dem Radioaufruf von Präsident Bush senior zur Revolte gefolgt waren – und von den Amerikanern brutal im Stich gelassen wurden. Wenn sie wollen, dass ihnen die Schiiten endlich zujubeln, dann sollten die Amerikaner – wie schon im Kosovo – Experten mit der Sicherung und Auswertung der Massengräber beauftragen und die Täter zur Verantwortung ziehen. „Vermisste Verwandte zu suchen, ist jetzt das Allerwichtigste für viele Iraker“, sagt ein Arzt aus dem Süden.

Die Amerikaner waren damals näher am Geschehen, bekannt waren die Zahlen aber auch in Deutschland. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch spricht von mindestens 200 000 Irakern, die in den letzten zehn Jahren verschwunden sind. Die offenen Gräber im Südirak sind Teil von Saddams Erbe. Aber auch Erbe einer Politik, die – wie Leutnant Moore – tatenlos zugeschaut hat, während diese Gräueltaten stattfanden. Mit jedem ausgegrabenen Skelett stellt sich daher weniger die Frage, wie gut oder schlecht die Gründe für den vergangenen Krieg waren. Sondern auch, wie wir reagieren wollen, wenn wieder irgendjemand dabei ist, Massengräber mit Leichen zu füllen.

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