Meinung : „Solange es in Bolivien …

Sandra Weiss

… keine Gleichheit und Gerechtigkeit gibt, werden weiter Arme gegen Reiche kämpfen.“

Für das Establishment in Bolivien ist Evo Morales der Staatsfeind Nummer eins: Kokabauer, Indio, Marxist, Gewerkschafter, Straßenblockierer und Aufrührer. Für die verarmten Indios, die die Bevölkerungsmehrheit stellen, ist der ehemalige Kokabauer ein Held und ein Hoffnungsträger. Dass er überhaupt noch am Leben ist – und kurz davor steht, zum Präsidenten des verarmten Andenlandes gewählt zu werden – ist ein doppeltes Wunder.

Geboren am 26. Oktober 1959 in der südlichen Provinz Oruro, musste Morales die weiterführende Schule abbrechen. Spanisch spricht er bis heute nur schlecht. 1982 kostete ihn eine Hungersnot fast das Leben. Er floh ins Hochland, wo er auf Kokabauern traf und Bekanntschaft mit den kämpferischen Gewerkschaften machte. Morales war bei Streiks und Straßenblockaden dabei. Unzählige Male saß er deshalb im Gefängnis. Gefoltert habe man ihn, sagt der Abkömmling von Quechua- und Aymara-Indianern.

All das hat dem Kuba-Bewunderer seine sozialistischen Ideen nicht ausgetrieben und seine Popularität nur erhöht. Vor allem bei den Ureinwohnern. 1992 wurde er Vorsitzender der Kokabauern-Gewerkschaft, 1997 zum Kongressabgeordneten der Partei Bewegung zum Sozialismus (MAS). Im Parlament tat sich die MAS vor allem mit Kritik an der US-nahen Wirtschaftspolitik der Regierung hervor und forderte die Verstaatlichung der Grundstoffindustrien und die Rückkehr zum Agrarstaat.

Morales selbst zeigte sich nur selten in La Paz, reiste lieber durch die Weltgeschichte – besonders gerne nach Venezuela. Jeder Angriff seiner Feinde machte ihn stärker: Im Präsidentschaftswahlkampf 2002 drohte der US-Botschafter mit dem Entzug der Entwicklungshilfe, sollten die Bolivianer einem „Verbündeten der Drogenmafia“ ihre Stimme geben. Morales zog in die Stichwahl ein, unterlag aber Sanchez de Lozada, der sich als Präsident nur kurz an der Macht halten konnte.

Unter dessen Nachfolger Carlos Mesa mäßigte sich Morales zunächst, da der angesehene parteilose Historiker Mesa ernsthaft Reformen in Angriff nahm und sich das Establishment zum Feind machte. Jetzt, nach dem Rücktritt Mesas, sieht Morales seine Stunde gekommen. Sollte es Neuwahlen geben – wie von ihm vehement gefordert – dürfte der Linkspopulist zum vierten Staatsoberhaupt Boliviens innerhalb von vier Jahren gewählt werden.

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