Meinung : Solide für Sünder

Am Nationalfeiertag ehrt die Schweiz sich selbst – aber der gute Ruf ist ramponiert

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Von Jan Dirk Herbermann

Was ist los mit der Schweiz? Das Land der Sicherheit, der Pünktlichkeit, der Pingeligkeit, durchlebt eine Serie von Katastrophen, Karambolagen, Peinlichkeiten.

Am heutigen 1. August werden sich die Eidgenossen unverdrossen des Schwures ihrer wackeren Vorfahren auf der Rütliwiese erinnern. Doch, wie es der Chefredakteur der größten Zeitung des Landes seinen Lesern mitteilte: Der „Glanz des Kreuzes ist matt geworden". Jürg Lehmann muss es wissen. Trieb doch der Boulevardschreiber „mit aller Härte" eine Schmierenkampagne gegen ein Botschafterehepaar. Auch die glitschige Affäre um das Verlagshaus Ringier und den Diplomaten Thomas Borer ramponierte das Image der Schweiz: Seriösität? Nicht bei uns. Umsicht? Früher einmal.

Der Skandal erwischte auch den braven Außenminister Joseph Deiss. Anstatt seinem Untergebenen den Rücken zu stärken, ließ er sich von Straßengazetten die Inszenierung diktieren. Borer flog. Mühsam wand sich Deiss dann aus dem Labyrinth von Halbwahrheiten und Intrigen wieder heraus. Um konsterniert festzustellen, dass einer seiner anderen Botschafter in Untersuchungshaft sitzt – Verdacht auf Geldwäsche.

Auch Finanzminister Kaspar Villiger bekam das neue Image der Schweiz zu spüren. Er wollte in seiner Eigenschaft als Bundespräsident in Russland der Opfer der Flugzeugkatastrophe vom Bodensee gedenken. Die Behörden in Ufa konnten seine Sicherheit jedoch nicht garantieren. Der Schweizer Bundespräsident, im Ausland eine persona non grata. Unerwünscht. Die russischen Mütter und Väter wollten alleine trauern. Zu gut ist ihnen in Erinnerung, dass einige Schweizer dem russischen Piloten der Unglücksmaschine die Schuld in die Schuhe schieben wollten. Dabei schlampten die Eidgenossen.

Überhaupt, die Schweizer Fliegerei. Der Niedergang der stolzen Swissair beschädigte die internationale Reputation der Eidgenossenschaft mehr als alle anderen Katastrophen. Nie zuvor erlitt eine renommierte Airline einen schmählicheren Abgang. Auch die sichere Schweiz gibt es nicht mehr. Crossair- und Swissair-Jets fielen vom Himmel. Im Gotthardtunnel brach ein Feuer aus, wieder starben Unbeteiligte in dem alpinen Glutofen. Ein Waffennarr lief mit einem Sturmgewehr der Schweizer Armee im kantonalen Parlament von Zug Amok. Und, als wäre die Gegenwart nicht schwer genug, tauchten wieder die Schatten der Vergangenheit auf. Eine Historikerkommission listete die Verbrechen im Zweiten Weltkrieg auf. Damit aber starb die Legende vom tapferen Bergvolk, das dem schlimmsten aller Aggressoren erfolgreich getrotzt hatte.

Bleibt vom guten alten Ruf nur noch das Bankgeheimnis. Die gesetzlich verbriefte Verschwiegenheit zog eine Summe von vier Billionen Schweizer Franken an. So viel, dass etwa Hans Eichel poltert: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Land sich auf Dauer als Fluchtburg für die Steuerhinterzieher anderer Länder hergibt." Also, es gibt sie doch, die sichere, die solide Schweiz. Zumindest für Schwarzes Geld.

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