Meinung : Sollen Jugendliche für die Wirtschaft oder fürs Leben lernen?

Foto: Thomas Abel
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„Erziehung auf Kurs“ vom 26. Mai

Es sagt sich so leicht und klingt plausibel – „Wir brauchen ein Schulfach Wirtschaft“.

Aber was ist „Wirtschaft“: Volkswirtschaft, Betriebswirtschaft, Mikro, Makro, Geld, Finanzen, Branchen von Auto bis Versicherung, Dienstleistungen, Industrie, Wirtschafts- und Sozialpolitik, Börse, Rechtsformen von Aktiengesellschaft bis Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit, Arbeitsmarkt ...? Was gehört zum Grundwissen eines Staatsbürgers – was Aktien und festverzinsliche Wertpapiere sind und wie der Dax funktioniert? Was der Unterschied zwischen der umlagefinanzierten gesetzlichen Rente und einer privaten Leibrente ist? Was Gewerkschaften sind, was die Aufgabe eines Betriebsrates ist und was paritätische Mitbestimmung bedeutet? Müssen 18-Jährige wissen, welche Funktion die EZB hat, 15-Jährige aber nur, was die Sparkasse um die Ecke macht? Und welchen anderen Schulstoff streicht man zugunsten dieser Inhalte?

Prof. Dr. W.-R. Heilmann, Berlin-Schöneberg

Gebetsmühlenartige Wiederholung erzeugte den Gemeinplatz „mehr Wirtschaft in die Schule!“. Dieses Mantra ist maßlos, einseitig und irreführend. Es ist maßlos, denn in Schulen expandiert Wirtschaft wie kein anderes Wissensgebiet. Die Lehrpläne räumen Wirtschaft mindestens so viel Lernzeit ein wie etwa Demokratie und Politik. Genauer betrachtet überwiegt die ökonomische Bildung. Denn neben dem Unterricht laufen zahlreiche wirtschaftsnahe Aktivitäten: Berufsorientierung, Betriebspraktika, Schülerfirmen, Betriebsbesichtigungen oder Unterricht durch Unternehmens- und Wirtschaftsvertreter. Dagegen bleibt das Schultor für Gewerkschafterinnen, Abgeordnete oder gar Aktivisten aus sozialen Bewegungen oft verschlossen. Während diese als politisch einseitige Interessenvertreter gelten, dürfen Unternehmer und Wirtschaftslobbyisten als neutrale Experten im Dienste der Sache auftreten. Keine andere Gruppe genießt einen derart privilegierten Zugang zu Schülern.

Der Gemeinplatz erweist sich als einseitig, vergleicht man das Gewicht von Wirtschaft mit anderen Bereichen. Vieles, was für das gesellschaftliche Zusammenleben und das private gute Leben hoch relevant ist, fristet in den Schulen ein Schattendasein. Kinder und Jugendliche lernen bestenfalls in einer Handvoll Schulstunden, wie Gesellschaften funktionieren, was sie zivilisiert und zusammenhält, wie sie in Krisen geraten und ob und wie man das verhindern kann. Von gesellschaftlicher Bildung kann landauf, landab keine Rede sein. Im kulturellen Bereich verkümmert die musische Bildung, die Hälfte des Unterrichts fällt aus. Noch schlechter steht es um die Thematik Familie und Erziehung. Zwar hat Familienbildung im doppelten Wortsinn für ein gelungenes Leben höchste Bedeutung, aber Jugendliche lernen darüber wenig bis nichts, ein Fach existiert nicht. Der gesundheitlichen Bildung gibt man eher wenig Raum und erst recht kein Fach. Sich selbst verstehen, sich als Person entwickeln und behaupten lernen, verlangte nach psychologischer Bildung, auch davon keine Spur.

Privat- und Berufsleben, Politik und Wirtschaft haben fast immer eine rechtliche Dimension, aber fast überall fehlt ein Schulfach Recht. Technik und Technologie durchdringen unser Alltagsleben, ohne sie macht auch Wirtschaft keinen Sinn. Doch ein Pflichtfach Technologie gibt es nicht. Verglichen mit diesen Feldern steht die ökonomische Bildung heute ausgesprochen gut da. Das Mantra ist irreführend, wir brauchen nicht mehr, sondern bessere Wirtschaftsbildung. Eine kritische ökonomische Bildung fehlt, die Zusammenhänge durchschaut, Interessenlagen aufdeckt, Verquickungen zwischen Unternehmen und Politik herausarbeitet. Es mangelt an einer Bildung, die die Individuen gegenüber den mächtigen Organisationen der Privatwirtschaft stärkt. Eine Bildung, die kritisch fragt: Warum scheitern kapitalistisch-soziale Marktwirtschaften auf historisch hohen Wohlstandsniveaus immer noch daran, die Menschen von dem Zwang zu befreien, sich vorrangig mit der Sicherung ihrer Wirtschaftsexistenz und der Steigerung ihres Geldvermögens beschäftigen zu müssen? Wozu müssen Schulen diesen Zwang auch noch verstärken? Von solchen kritischen Fragen halten die meisten Kultusminister wenig. Viele sehen ökonomische Bildung bei denen gut aufgehoben, die von den Entscheidungen der Jugendlichen jetzt oder später profitieren und ihr Branchenimage dringend aufpolieren müssen. Vielerorts vertraut man etwa die finanzielle Bildung der Versicherungs- und Finanzindustrie an. Nachdem deren Lobbyisten weltweit das Geschäftsfeld der privaten Altersvorsorge propagierten und politisch promovierten, an den Gesetzen, die ihr Geschäftsgebaren regeln sollen, mitschrieben und nach der Krise den Steuerzahler für privatwirtschaftliches Versagen haften lassen, dürfen sie nun in Schulen das Wesen der Finanzwirtschaft und die Weisheit der Geldanlage erklären. Diese „Öffnung von Schule“ ergreift einseitig Partei. Handelte es sich um politische Bildung, sähe man das als Skandal, bei ökonomischer Bildung erscheint es als normal.

— Dr. Reinhold Hedtke, Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften und Wirtschaftssoziologie an der Universität Bielefeld

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