Meinung : Sonntags Schäuble: Ins Gesicht schauen

Wolfgang Schäuble ist Präsidiumsmitglied

Am vergangenen Freitag vor 56 Jahren wurde in Plötzensee der Jesuitenpater Alfred Delp ermordet. Er hatte zum Kreisauer Kreis gehört, der im Widerstand gegen Hitler und seine Schergen das bessere Deutschland suchte, weil er sich um die Zukunft des Landes sorgte.

Das ist die wichtigste Begründung für Erinnerung und Gedenken an Männer wie Alfred Delp: Für den Zustand des Landes sind wir auch heute verantwortlich. Das können wir aus der Geschichte lernen, im Guten wie im Bösen. Auch wenn der Unterschied zwischen gut und böse, Recht und Unrecht meistens ganz klar ist - der Grat, auf dem wir zwischen diesen beiden Polen wandeln, ist oft recht schmal. Hannah Arendt hat nach dem Eichmann-Prozess von der Banalität des Bösen geschrieben. Eichmann war ein Schreibtischtäter, der keine Beziehung zu den Massen seiner Opfer hatte - und privat ganz unauffällig war, das, was man damals einen treu sorgenden Familienvater zu nennen pflegte. Hinter dieser Fassade war er zu finden, der Abgrund.

Es gibt auch eine Banalität des Guten. Plötzlich hilft einer, der sonst gar nicht als besonders edelmütig bekannt war, anderen unter großen Opfern und Gefahren. Dafür gibt es mindestens genauso viele Beispiele wie umgekehrt von den Verbrechern, die im Alltag scheinbar anständig gelebt haben. Keiner ist nur gut, und keiner ist nur böse. Manch einer hilft dem Schwächeren schon allein deshalb, weil er ihn sieht, weil er sich persönlich von einem anderen angesprochen fühlt.

Hinsehen kann heute gegen eine wachsende Tendenz zu Gewalttätigkeiten helfen. Gewalttätigkeit ist im Kern meist Ausdruck von Schwäche. Wer Gewalt braucht, hat keine Argumente, mit denen er andere von sich und seiner Meinung überzeugen zu können glaubt. Meist ist er schon zu feige, sich einer offenen, einer ehrlichen, einer harten Diskussion zu stellen. Nicht einmal sein Gesicht will er zeigen. Deswegen verstecken sie sich in Horden - wie einst die Schläger- und Mördertrupps der Nazis.

Deswegen müssen wir ihnen ins Gesicht sehen. Das muss unsere Tat sein. Denn das mögen sie nicht. Wer einen anderen ansieht, der tritt in Beziehung zu ihm. Es ist die Beziehungslosigkeit, Anonymität, die das Böse fördert. Was wir daraus lernen können? Immer hinsehen, nie wegsehen.

Zu vieles, was passiert und nicht geschehen sollte, ist nur möglich, weil zu viele wegsehen. Wenn auf einer belebten Straße, in der S-Bahn oder im Festzelt jemand zusammengeschlagen wird, dann ist das in aller Regel nur möglich, weil zu viele wegsehen. Immer, wenn massenhaft Unrecht geschieht, schauen zu viele nicht hin. Das war im so genannten Dritten Reich so, in Bosnien oder im Kosovo war das nicht anders. Auch heute gibt es davon zu viel.

Wenn wir auf Nähe und Miteinander setzen statt auf Konfrontation, dann ist kein Platz für Gewalt. Gewalt ist das Gegenteil von Recht. Wer anfängt, mit Gewalt und Einschüchterung seine Interessen und Meinungen durchzusetzen, der ist schon auf dem falschen Weg. Und wohin dieser Weg führen kann, das sehen wir auch am Leben und Leiden von Alfred Delp.

Alfred Delp und die anderen Frauen und Männer des Widerstandes haben hingesehen. Aber das waren zu lange zu wenige. Und deshalb war es am Ende so schwer. Nicht nur für die Mutigen, die Widerstand leisteten, sondern für alle. Das können wir lernen.

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