Meinung : Sport im Wohnzimmer

Die Kinder glauben, fit zu sein – das ist leider ein Irrtum

Gerd Appenzeller

Noch nie ist so viel über Fitness geredet, gesendet und geschrieben worden wie heute. Und noch nie waren Kinder so wenig fit wie jetzt. Wir reden nicht von denen, die in Sportvereine gehen oder über den Schulsport Spaß an Bewegung und körperlicher Leistungsfähigkeit finden. Nein, wir meinen die Kinder, die sich im Fernsehen oder im Kino die Filme über Supermänner und deren fabelhafte Leistungen reinziehen und sich indirekt einreden lassen, dass man schon vom Zuschauen allein zum Crack wird. Und die Werbung unterstützt diese Phantasien aus einer Scheinwelt. Sie macht die Kids glauben, man müsse nur genügend Müsliriegel futtern und Energiedrinks in sich hineinsaugen, um irgendwie ganz von selbst so richtig superfit zu werden.

So, genau so läuft es ab, und endet mit jenem tristen Ergebnis, das gestern der Deutsche Sportbund, die AOKs und das Wissenschaftliche Institut der Ärzte Deutschlands vorstellten. Innerhalb von zwei Jahren ist die körperliche Leistungsfähigkeit der sechs- bis 18-Jährigen um 20 Prozent zurückgegangen. Wer regelmäßig Sport treibt, ob in der Schule oder im Verein, ist deutlich leistungsfähiger. So, wie es eine positive Selbstbeeinflussung gibt – je mehr Sport, desto fitter – gibt es aber auch einen Teufelskreis. Je länger Jugendliche auf dem No-Sports-Trip sind, desto schwerer fällt es ihnen, sich zu bewegen. Und umso dicker werden sie.

Natürlich kann man das alles auf die Glotze und auf den Computer schieben. Aber früher haben sich Kinder beim Bücherlesen auch nicht mehr bewegt als heute vor dem PC und sind trotzdem nicht dick geworden. Die ganze Jammerei der Politik über den desolaten Gesundheitszustand des Nachwuchses ist ziemlich heuchlerisch, so lange eine Schwimm- und Sporthalle nach der anderen geschlossen wird und der Schulsport permanent ausfällt. Und vielleicht müssen wir wirklich auch gerade in puncto TV-Werbung umlernen. Da rennen permanent fröhliche Kinder über den Bildschirm und bitten nach offensichtlich stundenlangem, energiezehrendem Spiel ihre Fernsehmama um eine Süßigkeit. Und bekommen sie natürlich auch, wegen der Milch, die drin ist, und so. Und die Wirklichkeit? Unsere Kinder hocken zwei Stunden vor der Glotze und bilden sich ein, man verbrauche schon Kalorien, wenn man anderen beim Laufen zuschaut. Eltern, das ist euer Job!

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