Städte im Grenzland Europa : Geopolitik der Füße

Öffentlicher Raum ist das Kostbarste, was Stadt ausmacht. Wir sollten ihn auch in Zeiten von Terror, Flüchtlingskrise und Kommerz nicht preisgeben. Ein Essay

Karl Schlögel
Es soll doch nur ein Spiel sein. Das Stadion in Hannover am Tag, nach dem das Länderspiel abgesagt werden musste. Foto: dpa/Stratenschulte Foto: dpa
Es soll doch nur ein Spiel sein. Das Stadion in Hannover am Tag, nach dem das Länderspiel abgesagt werden musste. Foto:...Foto: dpa

Berlin war einmal, vor nicht allzu langer Zeit, Grenzstadt, der denkbar härtesten Grenze, deren Überschreitung als Grenzverletzung geahndet wurde. Hier wurde scharf geschossen. Berlin ist heute der Ort, an dem die Grenze fast nur noch in den Köpfen existiert, jedenfalls in den Köpfen derer, die im Schatten der Mauer aufgewachsen sind. Sie ist mehr oder weniger unsichtbar geworden, verschwunden, fast ohne Phantomschmerzen. Ein Vierteljahrhundert lang war die einst geteilte Stadt eine Art Laboratorium unter Echtzeitbedingungen für die Transformation einer großen städtischen Gesellschaft. Die Stadt hat sich bewährt als Krisenbewältigerin, als die Form, in der sich Gesellschaft neu erfindet und sich neu aufstellt.

Wie im Zeitraffer, atemberaubend schnell verwandelten sich die Städte

Was hier geschehen ist, geschah mutatis mutandis auch in anderen Städten in Europa, vor allem im mittleren und östlichen. Wer das Ende der Teilung Europas im annus mirabilis erlebt hat, ob hier oder in Prag, Warschau, Budapest oder Wien, konnte fast sicher sein, dass Europa stark ist, und dass die Städte Europas jene Pfeiler sein werden, die dem Kontinent, der das 20.Jahrhundert hinter sich gebracht hatte, zusammenhalten, ihm Halt geben würden. Es ist nicht Sentimentalität oder Nostalgie, wenn man an diesen historischen Augenblick erinnert, in dem die Menschen das ancien regime gestürzt und ihre Städte gleichsam neu in Besitz genommen haben: fast überall auf wundersam gewaltlose Weise. Wie im Zeitraffer, atemberaubend schnell verwandelten sich die Städte, wechselte die Farbe, beschleunigte sich das Tempo.
Diese glückliche Zeit der Wiederkehr der Städte als Zentren der zivilen Gesellschaft liegt hinter uns, und wir sind in eine Realität hineingestoßen, auf die Höhe einer Gegenwart katapultiert worden, von der bis vor Kurzem nur die wenigsten eine Vorstellung hatten. In einem Augenblick, da das Projekt der Niederlegung der Grenzen in Europa seiner Vollendung entgegenzugehen schien – Schengen! – ist Europa dabei, neue Grenzen und neue Grenzzäune zu errichten. An die Stelle der Fluchtbewegung aus dem Osten ist der Flüchtlingsstrom aus dem Süden getreten. Nun sind es nicht Dutzende Tote, sondern Tausende, die auf ihrer Flucht ums Leben gekommen sind. Die Richtung der Migrations- und Fluchtbewegung hat sich gedreht. Worauf die Europäer einmal stolz waren – die Aufhebung der Grenzen –, ist nun Grund für Sorge, ja Angst geworden: ausgeliefert zu sein einem naturwüchsigen Prozess, über den man die Kontrolle verloren hat. Zudem ist etwas eingetreten, worauf die Europäer nach dem vorläufigen Happy End von 1989 und der Auflösung der Blöcke in Ost und West am allerwenigsten vorbereitet waren: die Rückkehr des Krieges auf europäischen Boden – zuerst in Jugoslawien, heute in der Ukraine. Die Gewalt ist zurück auf einem Kontinent. Wir sind überrumpelt von den Ereignissen, hinterrücks, unvorbereitet, von den Frühwarnsystemen der Soziologen, Thinktanks und Geheimdienste im Stich gelassen, ratlos, und es geschieht, was in solchen Augenblicken des Kontrollverlusts geschieht: Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst der Panik und der Hysterie.

Europa erscheint als der rettende Fluchtpunkt

Wir haben uns in Europa, vor allem in dem Europa, das sich zur Europäischen Union zusammengeschlossen hat, daran gewöhnt, dass das Verschwinden von Grenzen und die ungehinderte Freizügigkeit, ein absolutes und nicht infrage zu stellendes Gut sind, Grenzenlosigkeit, die Abwesenheit von Grenzen als einen Endpunkt zivilisatorischer Entwicklung. Das ist mehr als verständlich in einem Kontinent der „wandernden Grenzen“, wie der große mitteleuropäische Schriftsteller Joseph Roth, der es ja wissen musste, Europa genannt hat. Die Geschichte Europas ist eine Geschichte der unentwegten, in der Regel gewalttätigen Grenzverschiebungen, verbunden mit der Zerstörung von Staatlichkeit, ethnischen Säuberungen, Deportationen, Bevölkerungstransfers, Flucht und Vertreibung. Und heute, in einer Welt, in der an die 50 bis 60 Millionen Menschen gezwungenermaßen sich auf den Weg gemacht haben, erscheint Europa erst recht als der rettende Fluchtpunkt.
Doch ebenso zwingend ist die Einsicht, dass ein Kontinent, und mag er noch so aufgeschlossen sein, der Wucht einer solchen Bewegung nicht standhalten kann. Es kann daher nie um die Abschaffung der Grenzen, die Herstellung einer utopischen Grenzenlosigkeit gehen, sondern allein um die Moderation, um die Etablierung von Grenzregimen, die die elementare Wucht dieser Bewegungen „irgendwie“ moderieren und kanalisieren. Die Europäer sind nicht Herren des Verfahrens, Migrations- und Fluchtbewegungen lassen sich nicht einfach per Knopfdruck abstellen. Die Rückgewinnung der Kontrolle über die Grenzen hat nichts mit Xenophobie zu tun, sondern ist eine Bedingung für den verantwortungsvollen Umgang mit den Flüchtlingen. Die Rede von der „Festung Europas“ nützt wenig, wenn sie nicht überhaupt nur eine Denunziationsformel ist. Ein Europa, das seine Grenzen nicht schützen kann und nicht schützen will, weiß gar nicht, dass es etwas zu verteidigen gibt.


Die Haltung zur Grenz- und Flüchtlingsfrage ist von Anfang an, weil es sich um eine wirklich große Herausforderung handelt, Grund- und Nährboden für Politisierung und gesellschaftliche Entzweiung geworden. Die Produktion von Feindbildern, die Mobilisierung von Ressentiments, das Schüren von Hass ist das Geschäft derer, die der Gesellschaft nichts zu bieten haben – nicht einmal denen, die sich für die Zukurzgekommenen und Beleidigten halten. An der Frage, ob sich die Europäer zu einer irgendwie abgestimmten Regelung bereit finden, wird sich entscheiden, was mit dem Kontinent geschehen wird, besonders mit dessen „hartem Kern“, der EU, die unter dem Druck der gleichzeitig zu bewältigenden Krisen auseinanderzubrechen droht. Die Europäische Union als eine Schönwetterwelt, eine Interimskonstellation, deren Zeit abgelaufen ist. Ich möchte daran noch nicht glauben und interessiere mich daher vor allem für „das Rettende“, das laut Friedrich Hölderlin eben auch wächst, wo Gefahr ist.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben