Stammzellforschung : Kinder der Revolution

Der Mensch kann klonen, Gene austauschen, Eizellen künstlich befruchten, Embryos manipulieren. Gerade die Stammzellforschung ist zu einer Kunst des Möglichen geworden. Mit dieser Kunst wächst aber auch die Aufgabe für die Gesellschaft, zu entscheiden, was gewollt ist und was nicht.

Kai Kupferschmidt

Das Wort „Revolution“ verdanken wir der Wissenschaft. Ursprünglich wurden damit die Umdrehungen des Mondes und der Planeten bezeichnet. Erst später bekam das Wort die Bedeutung eines tiefgreifenden Wandels. „Xiao Xiao“, das erste lebende Tier, das aus einer umprogrammierten Hautzelle gezüchtet wurde, kann zu Recht als Kind einer Revolution bezeichnet werden. Nicht nur, weil diese Maus ihre Existenz der revolutionären Gentechnik verdankt. Sie dreht auch all die Fragen weiter, die den Menschen seit jeher umtreiben.

Da ist zum einen die Medizin. Forscher hoffen, aus Stammzellen wie jenen, die Xiao Xiao ermöglicht haben, frische Zellen züchten zu können. Diese wollen sie Patienten einpflanzen, um zum Beispiel Alzheimer zu behandeln. Niemand, der einen Menschen langsam im Dunkel dieser Krankheit hat verschwinden sehen, kann diese Fortschritte verfolgen, ohne eine leise Hoffnung zu verspüren. Aber der Weg zu einer Therapie ist noch weit.

Xiao Xiao zeigt vor allem eines: Künstlich hergestellte Stammzellen bestehen auch den härtesten Test für das Potenzial von Stammzellen. Sie ziehen also mit den embryonalen Stammzellen gleich, die in Deutschland so umstritten sind, weil Embryonen zerstört werden müssen, um sie zu gewinnen. Das lässt auf eine Therapie hoffen, die weder unser Immunsystem, noch unsere ethischen Überzeugungen herausfordert.

Dennoch ist es richtig, weiter an embryonalen Stammzellen zu forschen. Sie sind das Vorbild, nach dem die Forscher Zellen von erwachsenen Tieren und Menschen umprogrammieren. Ohne sie hätten die neuen Stammzellen niemals hergestellt werden können. Und sie werden noch eine Zeit lang unersetzlich bleiben – als Vergleichszellen, an denen die künstlichen Stammzellen sich messen müssen. Erst genaue Untersuchungen von Xiao Xiao und ihren Brüdern und Schwestern werden zeigen, ob ihre Zellen komplett verjüngt wurden oder ob sie irgendwo doch noch Zeichen ihres wirklichen Alters in sich tragen.

Das andere ist die Philosophie, ist das Bild des Menschen vom Menschen. Die genetische Revolution konfrontiert uns mit Wahrheiten, die vieles elementar infrage stellen: Wenn aus jeder Zelle unseres Körpers ein neuer Mensch geschaffen werden kann, was ist dann eigentlich das Besondere an einer befruchteten Eizelle? Vor allem aber gibt die Wissenschaft uns immer neue Werkzeuge an die Hand, in unsere eigene Natur einzugreifen. Der Mensch kann klonen, Gene austauschen, Eizellen künstlich befruchten, Embryos manipulieren. Gerade die Stammzellforschung ist zu einer Kunst des Möglichen geworden.

Mit dieser Kunst wächst aber auch die Aufgabe für die Gesellschaft, zu entscheiden, was gewollt ist und was nicht. Manche lehnen alle Neuerungen als unnatürlich ab. Aber es ist ein Fehler, zu glauben, der Weg der Natur sei immer richtig und darin einzugreifen grundsätzlich falsch. Der Weg der Natur war nur jahrtausendelang der einzig mögliche Weg.

Das ist die eigentliche Revolution: Der Mensch kann plötzlich Dinge verändern, die er vorher nicht beeinflussen konnte. Dass der Mensch alles das, was er kann, irgendwann auch tut, ist ein Allgemeinplatz. Aber wahr ist es deshalb nicht. Jedoch wächst mit unserem Handlungsspielraum auch die Verantwortung, uns selbst Ziele und Grenzen zu setzen. An dieser Verantwortung werden wir schwerer tragen als an manch anderem Erbe. Denn wir sind alle Kinder der genetischen Revolution.

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