Meinung : Starker Islam, guter Islam

Die Muslime in Deutschland müssen mehr gefördert werden Von Faruk Sen

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Das Interesse am Islam ist in Deutschland gewachsen, wenn auch unter dem Vorzeichen eines zu bewältigenden „Problems“. Die Auseinandersetzung um den Regensburger Vortrag von Papst Benedikt XVI. illustriert dabei, das Christentum und Islam immer mehr Gefahr laufen, sich ihrer eigenen Identität durch Abgrenzung voneinander zu versichern. Das ist eine gefährliche Entwicklung, denn in Deutschland leben heute 3,5 Millionen Muslime, von denen rund 2,7 Millionen türkischer Herkunft sind. Der Islam ist damit zu einem dauerhaften Bestandteil der deutschen Gesellschaft geworden.

In den Medien wird über den Islam immer häufiger im Zusammenhang mit Terrorismus und Bedrohungsszenarien berichtet. Dadurch entsteht ein enormer Rechtfertigungsdruck für die einzelnen Muslime, aber auch für die muslimischen Organisationen, die zugleich die Deutung des Islams und die Themen, die in den Medien berichtet werden, kaum beeinflussen können. Christlich-islamischer Dialog findet in der Regel dann statt, wenn von den Muslimen und ihren Organisationen Abgrenzung von Ehrenmorden, Zwangsheirat, Terrorismus und innerfamiliärer Gewalt gefordert wird. Den Organisationen, die personell und finanziell häufig überfordert sind, wird damit die Möglichkeit einer konstruktiven, internen Auseinandersetzung mit dem Islam und dessen Glaubensinhalten entzogen.

In den letzten Jahren ist ein Anwachsen der Religiosität der Muslime zu beobachten. Die Diskussion über ihre Religion hat die Muslime veranlasst, ihre religiöse Identität zu prüfen, mehrheitlich mit dem Ergebnis, sich deutlicher zu dieser Identität zu bekennen. Die aktive Förderung eines europäischen, pluralistischen Islam bei den muslimischen Migranten in Deutschland ist daher überfällig. Die von Bundespräsident Horst Köhler gestern in seiner „Berliner Rede“ geforderte Einführung eines islamischen Religionsunterrichts an deutschen Schulen wäre ein wichtiger Beitrag hierzu.

Allerdings ist die religiöse Orientierung der Muslime in Deutschland stärker gewachsen als die organisatorische Anbindung, die eher stagniert. Die muslimischen Organisationen stehen vor großen Herausforderungen: Einerseits müssen sie den gesellschaftlichen Wandel der Muslime in Deutschland theologisch begleiten und die Spannungen zwischen Religiosität und Integration abbauen. Sie müssen sich verstärkt einer Theologie zuwenden, die die veränderte Lebenswirklichkeit der Muslime aufgreift und sie nicht in einen Spagat zwischen Islam und Moderne zwingt. Andererseits erfordern die Aufgaben, mit denen sich die muslimischen Organisationen konfrontiert sehen, eine institutionelle Anpassung. So verlangt die deutsche Politik beispielsweise in der Frage des islamischen Religionsunterrichts einen zentralen Ansprechpartner auf muslimischer Seite, der jedoch nicht existiert. Der Islam kennt keine hierarchische Struktur, keinen Klerus und keine verbindliche Autorität. Dies macht jedoch die Interessenvertretung der Muslime im deutschen politischen und gesellschaftlichen System schwierig.

Ein Wandel des Islams und seiner Organisationen ist von der deutschen Gesellschaft bisher kaum aktiv gefördert worden. Es geht um eine möglichst weitgehende Gleichstellung des Islams und der Muslime in Deutschland. Es geht um einen Bewusstseinswandel, damit ihre Organisationen nicht mehr als Gefahr für die Gesellschaft, sondern als Chance zur Integration und Gemeinsamkeit wahrgenommen werden.

Eine derartige Anerkennung kann selbstverständlich auch über ein Mehr an finanzieller Förderung vermittelt werden. Ein organisierter Islam, der sich dem kulturellen und sozialen Wandel seiner Klientel gewachsen zeigt, bedarf der stärkeren Unterstützung der deutschen Gesellschaft. Kurz: Die organisatorische Stärkung des Islams in Deutschland ist ein vordringlicher Beitrag zur Integration der Zuwanderer.

Der Autor ist Direktor der Stiftung Zentrum für Türkeistudien an der Universität Duisburg-Essen.

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