Stuttgart 21 : Heiner Geißler: "Solidarität statt Kapitalismus"

Im Fall Stuttgart 21 kommen gesellschaftlicher Aufbruch und Umbruch zusammen. Mit Heiner Geißler in der Mitte kann eine Zusammenführung gelingen. Ein Porträt.

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Der Vermittler: Heiner Geißler hat Gegner und Befürworter des Stuttgart-21-Projekts an einen Tisch gebracht. Jetzt wird geschlichtet und geschlichtet und geschlichtet und ...
Der Vermittler: Heiner Geißler hat Gegner und Befürworter des Stuttgart-21-Projekts an einen Tisch gebracht. Jetzt wird...Foto: dpa

Stuttgart 21 – wenn einer da moderieren, lenken, zusammenführen, anführen kann, dann Heiner Geißler. Er, der 80 Jahre jung ist – ja, jung –, hat immer noch viel Neugier auf Neues, so viel Dynamik; er hat aber auch an Altersweisheit gewonnen. Der Hochgelehrte mit jesuitischem Hintergrund (der zu jenen Katholiken gehört, die gute Werke tun wollen, die den Bedürfnissen der Zeit entsprechen), der studierte Philosoph und Jurist, Ex-Minister für Jugend, Familie, Soziales und Ex-Generalsekretär der CDU – er hat jetzt eine Reputation, die sonst in dieser Art keiner aufbietet. Noch dazu ist Geißler in Baden-Württemberg geboren, in Oberndorf am Neckar, und ein Freund von Erwin Teufel.

Reformer war er, Reformer ist er. Er hat die CDU auf eine ökologische und soziale Marktwirtschaft verpflichtet, als außer ihm nur Klaus Töpfer die Zeichen der Zeit richtig deuten konnte. Geißler wollte den Kapitalismus schon zähmen, als andere ihn noch zu entfesseln versuchten. Er hatte Angela Merkel für den Wahlkampf vor Jahren die Parole „Solidarität statt Kapitalismus“ angeraten; dafür hätte sie eine Riesenmehrheit erhalten. Dass Geißler heute Attac-Mitglied ist, passt dazu.

Er hatte auch seine Verirrungen, so, als er meinte, die SPD sei die Fünfte Kolonne Moskaus; oder dass der Pazifismus Auschwitz erst möglich gemacht habe. Was hat er sich anhören müssen! Von Willy Brandt zum Beispiel, dass er der schlimmste Hetzer seit Goebbels sei. Heute würde Geißler so nie mehr reden. Wenn überhaupt, dann war es damals mit seiner Leidenschaft für politischen Streit zu erklären; Geißler sagt bis heute, Politik sei „kein Gesangverein Harmonie“. Aber weil er intellektuell ist, erkennt er die Argumente seiner Gegner an. Das nennt der Philosoph intellektuelle Redlichkeit.

Maß und Mitte in der Moderne, die Moderation dessen gehört zur Vermittlung im Fall Stuttgart 21. Hier kommen gesellschaftlicher Aufbruch und Umbruch zusammen – aber noch prallen sie aufeinander. Mit Geißler in der Mitte kann eine Zusammenführung gelingen, Schwarz und Rot und Grün, wie er ist, dazu anarchisch, schlau und loyal. Das wissen sie in der CDU zumal.

Und wenn er es schafft? Dann rettet Geißler der CDU die Macht im Ländle – und Angela Merkel, die sich mit Stuttgart 21 auch verbunden hat, die Macht im Land. Wer weiß, vielleicht bekommt er dann etwas dafür, als Dank: Schwarz-Grün. Erst mal in Stuttgart.

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