Meinung : Süßes Leben und bitterer Qualm

Auch in Deutschland sollte es ein Rauchverbot geben

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Alexander S. Kekulé Seit Montag früh null Uhr steht ein Viertel aller Italiener auf der Straße: Wer in öffentlichen Lokalitäten eine rauchen will, muss vor die Tür gehen. Auch am Arbeitsplatz, in Treppenhäusern und sogar beim Frisör ist das Qualmen unter strengster Strafandrohung verboten – ciao la dolce vita, in einem Land mit knapp 13 Millionen Rauchern.

Der Trend zum Nichtrauchen ist kaum noch aufzuhalten. Nach den drakonischen Maßnahmen im einst so liberalen New York und Rauchverboten in vielen Teilen der USA haben im vergangenen Jahr auch Irland und Norwegen die Raucher aus dem öffentlichen Leben verbannt. Auch in Großbritannien, Schweden, Spanien und Portugal sind Gesetze in Vorbereitung, die das Rauchen nur noch in abgeschotteten QualmSeparées gestatten sollen. Trotzdem genießen die spießbürgerlichen Apartheidgesetze der Giulianis und Berlusconis dieser Welt kaum spontane Sympathie. Ist das „Passivrauchen“ in geschlossenen Räumen wirklich so schlimm, dass Millionen glimmfreudige Zeitgenossen wie Aussätzige behandelt werden müssen?

Die wissenschaftlichen Fakten sprechen ausnahmsweise eine deutliche Sprache – für die Rauchverbote, gegen „Freiheit und Abenteuer“, gegen „liberté toujours".

Bereits nach 30 Minuten in einem verqualmten Raum werden die Blutplättchen klebriger, die Wahrscheinlichkeit von Thrombosen und Embolien steigt. Acht Stunden Arbeit in einer rauchverhangenen Bar entsprechen dem Krebsrisiko von einer Packung Zigaretten täglich, wie eine US-Studie ergab. Die Risiken für Lungen- und Gebärmutterhalskrebs sowie für Asthma steigen dabei auf mehr als das Doppelte, bei Schwangeren erhöht sich die Gefahr von Aborten und Frühgeburten. Im Blut von Neugeborenen, deren Mütter in der Schwangerschaft sechs Stunden pro Tag passiv geraucht haben, sind Krebs erregende Stoffe auf das Vier- bis Fünffache erhöht. Sogar Hunde und Katzen von Rauchern haben ein erhöhtes Krebsrisiko.

Wie deutlich sich ein öffentliches Rauchverbot auf die Gesundheit auswirkt, zeigte ein unfreiwilliger Menschenversuch in der Kleinstadt Helena im US-Bundesstaat Montana. Die 66 000 Einwohner des abgelegenen Ortes beschlossen im Juni 2002, das Rauchen in allen öffentlichen Lokalitäten zu verbieten. Das Ergebnis war unerwartet deutlich: Innerhalb von nur sechs Monaten fiel die Zahl der Herzinfarkte um 58 Prozent. Das Gesetz wurde auf Druck der Tabaklobby kurze Zeit später wieder aufgehoben – prompt stieg die Zahl der Infarkte wieder auf das vorherige Niveau.

Angesichts der erdrückenden Beweise für die Gefährlichkeit des Passivrauchens sollte auch in Deutschland über Rauchverbote nachgedacht werden, so spießbürgerlich sie auch anmuten mögen. Davon abgesehen ist der pädagogische Effekt des öffentlichen Qualmens unübersehbar: Einer WHO-Studie aus dem Jahr 2002 zufolge rauchen bereits 27 Prozent der 15-jährigen Deutschen täglich, von 32 untersuchten Ländern hingen nur in Grönland noch mehr Kids am Glimmstängel.

Bisher gibt es nicht einmal für Schulen ein einheitliches Rauchverbot. Während Berlin, Hamburg, Niedersachsen und seit diesem Jahr auch Hessen ihre Schulen zu rauchfreien Zonen erklärten, fehlen in den anderen Bundesländern entsprechende Gesetze. Solange jedoch Kinder auf dem Schulhof mit den Lehrern qualmen, im Charterflieger zwischen paffende Touristen gezwängt werden und im Restaurant blauen Dunst inhalieren müssen, darf sich über hohe Gesundheitskosten niemand wundern.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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