Meinung : Super, Mama

Ursula von der Leyen hat ein Problem. Sie ist perfekt. So darf man nicht sein

Ursula Weidenfeld

Sie ist selbst schuld. Sie hätte keine sieben Kinder kriegen müssen. Sie hätte wenigstens zu Hause bleiben können, anstatt als Ärztin zu arbeiten. Zumindest aber sollte sie nicht so schlank und blond und telegen sein. Aber wenn sie schon das alles muss, hat und ist: Musste sie dann auch noch unbedingt in die Politik gehen?

Ursula von der Leyen ist die Familienministerin dieses Landes. Vermutlich hat es selten eine Familienministerin gegeben, über die sich so viele Menschen aufgeregt haben. Und zwar nicht wegen ihrer Vorstellungen von Familienpolitik, die es tatsächlich verdienen, kontrovers diskutiert zu werden. Der Kern des speziellen Von-der- Leyen-Vorwurfs ist ein anderer: So wie sie kann niemand sein. Sie kann nicht echt sein.

Warum verlangt man von Ursula von der Leyen bei der Inszenierung ihres Privat- und Familienlebens mehr Aufrichtigkeit, als man es je von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, von Guido Westerwelle oder von Franz Müntefering erwarten würde? Wenn die anderen sich im Glanz des häuslich ungetrübten Glückes zeigen, macht das nichts, im Gegenteil: Auch wenn man ahnen kann, dass es bei Schröders, Westerwelles und Münteferings nicht immer nur traut und familienselig zugeht, nimmt man das angebotene öffentliche Bild doch gern für die Realität. Frau von der Leyen aber nimmt man es übel, dass im öffentlichen Bild so viel Glück und so wenig Härte zu sehen ist.

Die Familienministerin wird als Daueranklage im häuslichen Chaos von Ein-, Zwei- und Dreikinderhaushalten mit oder ohne doppelter Erwerbstätigkeit empfunden. Es kann nicht sein, dass jemand mit sieben Kindern zurechtkommt, wenn ich nicht einmal zwei gebändigt bekomme. Es ist unmöglich, alle Kinder zum Musikinstrumentenunterricht zu bringen, auch wenn es nur drei sind. Klar, wenn man sich Kindermädchen und Hausbetreuung leisten kann, dann hat man leicht reden.

Auch das wohldosierte Gestehen lässlicher Schwächen – sie lerne jetzt kochen, gestand die Familienministerin neulich – wird mit lautem Hohngelächter quittiert: Kochen! Wenn sie nur wüsste, die Familienministerin, was es heißt, für zwei Allergikerkinder die tägliche Schonkost zuzubereiten, dann wüsste sie erst, was das echte Leben mit Kindern ist.

Es ist kein Verbrechen, tüchtig zu sein. Es ist nicht verboten, reich zu sein. Es ist keine Missachtung des Individuums, viele Kinder zu haben. Es ist aber auch kein Ungenügen, sich überfordert und gelegentlich mittelmäßig zu fühlen.

Wenn man aber den anderen Lebensentwurf nicht ertragen kann, ohne den eigenen zu rechtfertigen, ist das ein Zeichen eines fortdauernden Minderwertigkeitskomplexes. An der scheinbar perfekten Welt der Familienministerin dokumentiert sich ein Konflikt, der tiefer geht als das übliche Mütter-Gehacke auf Kinderspielplätzen. Es ist die nagende Angst, es selbst am Ende doch nicht richtig zu machen. Dabei hätten die meisten Familien allen Grund, sich in dieser Hinsicht eine Scheibe vom Leyen’schen Selbstbewusstsein abzuschneiden.

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