Meinung : Swissair: Zu viele Flieger, zu wenig Vielflieger

Martina Ohm

Ausgerechnet die Swissair wird zum ersten Opfer der Krise der Luftfahrtgesellschaften. Das Nationalsymbol der neutralen Schweiz ist das erste Unternehmen, das nach dem 11. September vom Markt verschwindet. Der Konzern ist pleite. Und wie es zunächst aussieht, lässt die Schweizer Regierung die Swissair auch Pleite gehen und stellt sich dem Wandel nicht in den Weg - im Gegensatz zu den USA, wo die schwer angeschlagenen Fluggesellschaften durch Subventionen vorerst gerettet werden.

Eine Entscheidung, die Respekt verdient. Dass Amerika anders reagierte, ist verständlich. Die USA riskieren sonst, dass der Flugverkehr zum Erliegen kommt. Unmittelbar nach den Attentaten musste, so zynisch es klingt, Normalität im Luftverkehr um jeden Preis wieder hergestellt werden. Auf die Dauer jedoch wird die US-Regierung den Strukturwandel genau so wenig aufhalten können wie die deutsche Bundesregierung, die fürs Erste das Versicherungsrisiko der deutschen Fluggesellschaften übernommen hat. Die Terroranschläge sind nicht die Ursache für die Krise, sie beschleunigen den Konsolidierungsprozess nur. Und klar ist, dass es nicht bei den Ankündigungen von Massenentlassungen und Kapazitätsstilllegungen bleiben wird. Weitere Fluggesellschaften werden die Krise nicht überleben.

Dass die Schweizer die Ersten sind, die den Druck der Veränderungen mit voller Wucht zu spüren bekommen haben, liegt an dem aberwitzigen Konzept, mit dem das Swissair-Management versucht hat, die Fluglinie zu einem Weltunternehmen zu machen. Nachdem die Schweiz 1992 den Beitritt zum europäischen Währungsraum abgelehnt hatte, gab es bei den europäischen Regierungen und Fluggesellschaften wenig Bereitschaft, der Swissair großzügige Landerechte einzuräumen oder sie in die Kosten sparenden Allianzen aufzunehmen.

Also griff Swissair überall zu, wo eine Fluggesellschaft in Kalamitäten geriet: Sie übernahm französische Regionalgesellschaften ebenso wie Anteile an Polens ehemaliger Staatslinie LOT, der belgischen Sabena und dem Düsseldorfer Ferienflieger LTU. Doch nennenswerte Marktanteile gewann die Swissair - über ihr Stammgebiet in der Alpenregion hinaus - nicht. Um die Marke zu retten und wenigstens den Flugbetrieb aufrechtzuerhalten, haben die Banken die Führung übernommen. Ob die Notoperation glückt, bleibt abzuwarten.

Die Pleite von Zürich hat die wahren Ursachen dieser Krise offenbart: Es gibt zu viele Fluggesellschaften und darunter viel zu viele unrentable. Die Luftfahrtindustrie zählt zu den konjunkturell anfälligsten Branchen. Mittlerweile ist nur noch jeder zweite Platz in den Fliegern besetzt. Auch wer beruflich fliegt, ist längst auf Billigtickets oder sogar auf Billigfluglinien umgestiegen. Der jahrelange erbitterte Preiswettbewerb hat die finanzielle Basis der kleinen Linien zerrüttet. Ihr Flugaufkommen ist zu gering, um rentabel arbeiten zu können. Und: um internationale Drehkreuze einzurichten - eine Voraussetzung dafür, im lukrativen Transatlantikgeschäft mitzumischen.

Namen wie Sabena oder Olympic Airways sind der jetzigen Krise kaum gewachsen. Nur die ganz Großen wie Lufthansa, British Airways und Air France, die zudem Kosten senkende Partnerschaften gebildet haben (Star Alliance, Oneworld und Skyteam), oder Nischenanbieter wie die Billig-Flieger Ryanair und Easyjet haben eine Zukunft.

Wer sich heute zu staatlicher Hilfe bereit erklärt, muss genau hinschauen. Der Hinweis auf Terroranschläge darf nicht als Vorwand benutzt werden, den Leidensweg der Airlines zu verlängern, die dem Wettbewerb auf Dauer doch nicht standhalten.

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