Syrien : Fässer, Pulver, Lunten

Die Protagonisten im Syrienkonflikt sind zu Marionetten anderer Mächte geworden. Weil das Beziehungsgeflecht so kompliziert ist, steigt die Gefahr, dass sich jemand verkalkuliert. Russland etwa könnte sich mit Israel verschätzen

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Israelische Soldaten bei einer Manöverübung auf den Golanhöhen an der syrischen Grenze im Mai.
Israelische Soldaten bei einer Manöverübung auf den Golanhöhen an der syrischen Grenze im Mai.Foto: AFP

Wer die Massaker ausblendet, das Leiden der Flüchtlinge und die Trauer der Hinterbliebenen, wer also in Syrien einmal nicht nach Moral, Humanität und Verantwortung fragt, sondern sich auf Interessen konzentriert, gerät erst recht in Verwirrung. Denn je lauter sich das Herz gegen den Diktator empört und je inniger es den Rebellen den Sieg wünscht, desto eindringlicher warnt der Verstand. Es ist das alte Lied vom Satan, den man kennt, und den Teufeln, die man nicht kennt. Wer außer den Rebellen will eigentlich noch, dass das Regime von Baschar al Assad gestürzt wird?

Russland sicher nicht. Es ist die traditionelle Schutzmacht Syriens und hat keine Skrupel, Assad mit modernen Waffen aufzurüsten. Der Iran auch nicht. Die Mullahs verstehen sich als engste regionale Verbündete des Alawiten-Clans. Die Türkei und Israel wollen in erster Linie, dass der Konflikt begrenzt bleibt. Sie fürchten ein Überschwappen auf ihre Länder. Libanon und Jordanien sind wegen der Flüchtlinge über die Dauer des Konflikts besorgt. Amerika und Europa wollen vor allem: keinen Einsatz von Chemiewaffen, keine Proliferation, keine Flüchtlingsströme in Richtung ihrer Länder. Katar und Saudi-Arabien wiederum, die die sunnitischen Rebellen unterstützen, zielen damit eher auf eine Eindämmung des Iran als auf die Schaffung ziviler, rechtsstaatlicher Strukturen in Syrien. Die Protagonisten des Konflikts sind längst zu Marionetten geworden.

Weil das Beziehungsgeflecht dermaßen kompliziert ist, steigt aber die Gefahr von Fehlkalkulationen. Besonders groß ist sie im Falle des russischen Boden-Luft-Abwehrsystems S-300. Es gilt als äußerst effizient und würde, voll einsatzfähig, den syrischen Luftraum vor jeder Art Intervention immunisieren. Das allerdings würde gravierend die Sicherheit Israels beeinträchtigen. Das Land müsste künftig tatenlos mit ansehen, wie die militante schiitische Hisbollah-Miliz aufgerüstet wird. Machtlos wäre es auch dagegen, wenn Assad sein Atomprogramm wieder aufnehmen sollte. Gegen die Abwehr dieser beiden Bedrohungen konnte Israel bislang seine Kampfjets einsetzen. Eine Installation der S-300 würde das verhindern. Diese Waffe ist ein „game changer“, sie verändert das Kräftegleichgewicht.

Das zu verstehen, ist für Syrien wie für Russland (und den Iran) sehr wichtig. Denn falls es stimmt, dass die russischen Raketen bereits in Syrien angekommen sind, wie Assad nun vollmundig verkündet, dürften entsprechende Reaktionen Israels nicht lange auf sich warten lassen. Diese wiederum als unverzeihliche Aggression oder weiteren Eskalationsakt misszuverstehen, wäre töricht. Schon einmal feuerte die Hisbollah tausende Raketen auf Israel ab. Um Waffenlieferungen an die Terrororganisation zu unterbinden, patrouilliert seitdem auch die Marine der Bundeswehr vor der libanesischen Küste. Jede israelische Aktion gegen die S-300 geschähe einzig und allein, um die Sicherheit des eigenen Landes weiter zu gewährleisten – und nicht, um im syrischen Bürgerkrieg Partei zu ergreifen.

All das gilt, wie eingangs gesagt, solange in Syrien nicht nach Moral, Humanität und Verantwortung gefragt wird.

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