Meinung : T wie Tiefstand

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Von Corinna Visser

Der Kurs der T-Aktie ist eine Katastrophe: für das Unternehmen, für die Aktionäre und für die Aktienkultur in Deutschland. Als die Deutsche Telekom im November 1996 an die Börse ging, wagten viele Deutsche zum ersten Mal ein Aktiengeschäft. 14,32 Euro zahlten Privatanleger damals für die T-Aktie. Am Freitag stürzte das Papier auf ein historisches Allzeittief: 12,22 Euro – so billig war die T-Aktie noch nie. Und die Turbulenzen sind keineswegs schon vorbei.

Die Volksaktie Telekom ist in den gleichen Strudel geraten wie die Unternehmen des Neuen Marktes – obwohl das Papier ein Standardwert ist, obwohl die Bundesregierung der Hauptaktionär des Unternehmens ist und obwohl Kommunikation nach wie vor als Zukunftsmarkt gilt. Warum? Weil sich die Telekom über zwei Jahre verhalten hat wie ein Unternehmen des Neuen Marktes.

Sie hat sich als Internet-Wert präsentiert und die Euphorie des New-Economy-Booms für sich genutzt. Sie hat es zumindest billigend in Kauf genommen, dass von ihr das selbe schnelle Wachstum erwartet wurde wie von den Internet-Unternehmen und sie hat das Geld dafür an der Börse eingesammelt - zuletzt noch im Sommer 2000. Da begannen die Kurse längst zu bröckeln. Aus dem Boom ist inzwischen längst eine Krise geworden. Der Trend stimmt zwar nach wie vor: Kommunikation wird immer wichtiger, die Telekom-Unternehmen werden davon profitieren. Doch im Moment ist die gesamte Branche in Misskredit geraten.

Hat Telekom-Chef Ron Sommer alles falsch gemacht? Wenn ja, befand er sich jedenfalls in zahlreicher und willig zahlender Gesellschaft. Es hat Analysten gegeben, die bei einem Kurs von 100 Euro immer noch zum Kauf der T-Aktie rieten. Und auch die anderen europäischen Telekommunikationswerte haben nach dem fantastischen Höhenflug des Jahres 2000 den gleichen schrecklichen Absturz erlebt wie die T-Aktie. Sie haben – wie auch die Telekom – viel zu viel Geld in die teure neue Mobilfunktechnik UMTS gesteckt und zu teuer Firmen eingekauft. Sie ächzen fast alle unter ihren gigantischen Schuldenbergen und werden nun allesamt von den Anlegern verschmäht.

Ron Sommer hat den Aktionären versprochen, die Telekom zu einem globalen Unternehmen und für die Zukunftsmärkte Internet und Mobilfunk fit zu machen. Die Telekom ist dabei große Risiken eingegangen. Aber was wäre, wenn nicht? Ohne UMTS-Lizenz, ohne die Präsenz im amerikanischen Mobilfunkmarkt? Mag sein, dass der Preis hoch war, aber billiger waren diese Chancen damals eben nicht zu haben. Ob UMTS ein Flop wird und das von der Telekom erworbene amerikanische Mobilfunkunternehmen Voicestream ein Fehlgriff war – für ein abschließendes Urteil ist es noch zu früh. Ron Sommer hat es nicht schlechter als die anderen Konzernchefs gemacht – aber auch nicht besser.

Muss Ron Sommer gehen? Die Ablösung des Telekom-Chefs würde all diejenigen befriedigen, die Genugtuung für die desaströse Kursentwicklung verlangen. Aber auch ein neuer Manager an der Spitze würde dem Kurs nicht helfen können. Was fehlt, ist die Zuversicht, dass sich mit Telekommunikation Geld verdienen lässt – viel mehr und viel schneller als in anderen Branchen.

Es wird noch lange dauern, bis die Telekom-Unternehmen wieder realistisch betrachtet werden. Und wahrscheinlich noch länger, bis auch ihre Manager, die sich selbst nie mit normalen Maßstäben gemessen sehen wollten, wieder Gnade finden.

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