Meinung : Tag für Tag: das Wiederkäuer-TV

Von „Wiso“ bis „Frontal 21“: Beratung kommt vor Relevanz. Der Zuschauer wird beim Fernseh-Magazin zum Kunden

Joachim Huber

Das Fernsehen muss das Magazin erfunden haben. Ohne das Format will und kann das Medium nicht mehr auskommen. Woche für Woche laufen mehrere hundert Magazine, immer in der Form, dass mehrere Filmbeiträge und Studiosequenzen durch eine Moderation verbunden sind. Die Vielfalt ist enorm: Es gibt politische Magazine, Verbraucher-und Wirtschaftsmagazine, Magazine für Börse, Motor, für Kultur, für Gesundheit und Wellness, Essen & Trinken, Lifestyle, Tierchen und Herrchen, Magazine für Wissen und Wissenschaft, für Sexualität und Erotik, für Kinder, Kino, Medien, Heimat und Reise, Umwelt, Natur, Homosexualität, jüdisches Leben, Regionales und Ausland etc. pp. (von Nachrichtenmagazinen wie „Tagesthemen“ und „heute-journal“ soll hier nicht die Rede sein).

Ich gehe davon aus, dass im deutschen Fernsehen folgende Formel gilt: Penetranz schafft Akzeptanz und Akzeptanz schafft Relevanz; wenn ferner gilt, dass nichts gezeigt wird, was kein Publikum hat, dann darf man annehmen, dass für das Publikum alles relevant, alles irgendwie interessant ist. Im Magazin-Fernsehen herrscht dabei Marketing-Journalismus vor: Die Zuschauer werden als handelnde Individuen gesehen, die als Konsumenten Medienangebote nach eigenen Bedürfnissen nutzen. Der Journalist ist Dienstleister, Verkäufer. Er will die Aufmerksamkeit und die Zufriedenheit der Zielgruppe. Das dahinter liegende Bild vom Publikum: konsumorientiert und wählerisch.

Lebensberatung muss sein, und deswegen hat das Magazin-Fernsehen hier vielleicht seine stärkste Seite. Es ist alltagsrelevant, es ist alltäglich, im idealen Falle steckt gar die Qualität einer Lebenshilfe drin – und sollte es auch nur der gute Rat sein, sich nach dem Toilettengang die Hände zu waschen. Ein Thema muss lebensweltliche Relevanz besitzen, eine konkrete persönliche Lebenssituation dargestellt werden. Es wird darauf geachtet, dass eine große Zahl von Zuschauern angesprochen wird. Handys, Autos, saubere Hände, krumme Rücken, Lottospielen – das ist millionenfach von Interesse. Ein Redaktionsleiter vom ZDF-Magazin „Wiso“ hat ein Allerlei-Programm im Auge: „,Wiso’ ist relevant für alle, da das Themenspektrum vom Handy bis zum Sterbebett reicht, also alle Altersgruppen umfasst.“ Bei der Themenwahl sei der Massenappeal entscheidend, statt der Detailfrage zu einer privaten Krankenkasse werde eher die ganze Gesundheitsreform angegangen.

Lebensberatung muss sein, soll sein, Orientierung – natürlich. Wo es aber anfängt, fragwürdig zu werden? Nicht dort, wo Info mit –tainment zum Verbund gebracht werden, wo die Alltagsrelevanz tobt, sondern dort, wo die nächste Stufe gezündet wird: In der Ranschmeiße ans Publikum, in der Zone, wo keine Info mehr ist, kein –tainment mehr. Ein Beispiel aus einer „Wiso“-Sendung: In einem objektiven Filmbeitrag wird geschildert, wie einem Bundesbürger durch die Säumigkeit eines hohen Gerichts offensichtlich ein beträchtliches Vermögen vorenthalten wird: Das ist beklagenswert, der ZDF-Sendung aber nicht genug. Dem Studiopublikum wird nach dem Film die Frage zur Abstimmung vorgelegt, ob in Deutschland noch Rechtssicherheit bestehe. Das Ergebnis nach dem Tastendrücken im Publikum: 73 Prozent sagen Nein. Und Moderator Michael Opoczynski sagt ojeh, oweh. Die Journalisten begreifen sich als Teil der Betroffenen-Welt, wo sie sich doch davon abgrenzen müssten.

„Ohne Quotendruck können wir es uns leisten, Qualitätsfernsehen zu machen“, sagen sie bei „Nano“, dem Wissensmagazin von 3sat. Das hat etwas vom sympathischen Gemeindefunk. Es gibt sie durchaus, die Sendungen, die Magazine, die nachrichtlich informieren, die erklären. Für ihre Relevanz heißt das: Je mehr Wissen, je mehr Fakten, desto geringer der Anteil der Unterhaltung, desto weniger –tainment bei der Info. Eine Sendung wie „Nano“ hat in den Hauptprogrammen des deutschen Fernsehens keine Chance. Oder lassen wir uns nur einmal durch den Kopf gehen, was die Magazineure in den Top-5-Programmen aus dem „Nano“-Thema „Warum Antibiotika nicht mehr wirken“ gemacht hätten: Antibiotika abgelaufen – die Deutschen sterben aus.

„Frontal 21“ läuft beim ZDF und versteht sich als ein „zeitkritisches Magazin“. Politische Themen gibt es als Einsprengsel, nicht als rote Linie. „Monitor“ vom WDR will ein „politisches Magazin“ sein wie „Panorama“ vom NDR oder „Kontraste“ vom RBB oder, oder, oder … Relevanz heißt hier: Beiträge zur politischen Willensbildung aus dem Geist der durch pure Willensanstrengung gebildeten Meinung. „Monitor“ genügt dann ein einziger Besserverdiener, um den Beweis zu erbringen, selbst Besserverdiener seien gegen die sozial ungerechte Steuerreform der CDU-Chefin Angela Merkel. Kurzgegriffen und trotzdem toll: Es wird über ein politisches Konzept berichtet. In welchem politischen Magazin gibt es das noch?

Nun ist es immer blöd, wenn man als Sauertopf gilt. Das hat schon der frühere „Monitor“-Chef Klaus Bednarz erkannt, erst seinen Pullover angezogen und dann die Glosse ins politische Magazin eingeführt. Es ist schön, wenn die Redaktionsleiter und Moderatoren Sonia Mikich („Monitor“), Theo Koll („Frontal 21“) und Andreas Bönte („Report München“) ihre betroffenen Gesichter ablegen, ein wenig grinsen und seltsam reden. Es war schon richtig, dass sich Politikredakteure eines Tages gegen eine Kabarettisten-Karriere entschieden haben. Der Informationsauftrag muss nicht lustig sein.

Ich will nicht behaupten, dass die zeitgeistigen und die politischen Magazine nur noch dem eingangs ausgeführten Marketing-Journalismus gehorchen. Es gibt sie – übrigens auch bei „Spiegel TV“ – die Spurenelemente des public Journalism. Wo das Publikum als sozialer Akteur verstanden wird, der von den Medien unterstützt wird, sich in der Gesellschaft zu beteiligen und einzubringen. Der Journalist organisiert im Idealfall den Dialog, seine Intention ist die Lösung der Probleme aus Bürgersicht, sein Bild vom Publikum ist: betroffen und mobilisierbar. Die Entgrenzung, die fortgesetzte Entpolitisierung selbst des politischen Magazins in ein Allerlei-Magazin hat allerdings erfolgreiche Hybrid-Formate wie „Stern TV“ oder „Frontal 21“ hervorgebracht. Was da im Einzelfall angestrebt wird, ist im Reich der Boulevardmagazine die einzige Aufgabe: soziale Sinnstiftung. Teilhabe an fremden Lebenswelten durch die eigene Gefühlswelt. Die Boulevardisierung selbst existenzieller Themen. Wo werden sie denn seriös behandelt, die lebenswichtigen, aber eben mehrschichtigen Bereiche von Familienpolitik oder Bildungswirklichkeit, von Hartz I bis Hartz IV, das Arbeitslosengeld II? Um diese Themen kümmern sich ausführlich und hintergründig die besseren Zeitungen im Land, während sich das Fernsehen um die Unterrichtung der bildungsfernen, nur an fix und fertig konsumierbarer Information interessierten Schichten kümmert. Der Wunsch nach einer großen Zahl an Zuschauern verhindert jede Mühe im Detail.

Betroffene haben es gut im deutschen Magazin-Fernsehen, vorausgesetzt, sie sind in der Opferrolle oder in der positiven Täterrolle. Das Fernsehen setzt auf die Teilhabe, die Teilnahme der Betroffenen, schließlich müssen die betroffenen Opfer mit der Bild- und Tonaufnahme ja einverstanden sein. Das führt in den meisten Beiträgen zu einer besonderen Nähe, zur Anteilnahme, zur Betroffenheit der Macher und Journalisten.

Ich kann nicht feststellen, dass die Betroffenen, also die Urheber, die Beteiligten und die Beklagten, dass weder die so genannten Opfer noch die so genannten Täter vom Magazin-Fernsehen verraten werden. Die Berichte sind in dem Sinne seriös, als sie glaubwürdig sind. Damit ist nichts darüber ausgesagt, wie wichtig, wie nichtig, wie akzeptabel und wie irrelevant die Themen sind. Das Magazin-Fernsehen, auch das Magazin-Fernsehen in seinen nicht vordergründig boulevardesken Erscheinungen hat sich dem Reiz-Fernsehen verschrieben. Ein Thema wird weniger auf seine kritischen Punkte als auf seine Ausreizbarkeit untersucht. Alarmismus, Sensationsheische, Panikmache sind die Mittel zum Zweck. Wundert es die Magazineure eigentlich gar nicht, dass nach einer Woche Magazin-Fernsehen die Welt sich immer noch dreht und steht? Und wundern sie sich nicht darüber, dass die Relevanz gerade mal so groß ist wie der Beitrag lang? Bei der nächsten Ausgabe ist dann von all den Merkwürdigkeiten, Grausamkeiten und all der Aufregung keine Rede mehr. Und dieser totsichere Populismus! Dieses Anbiedern an Otto Normalverbraucher, der sich nicht nur vor dem Fernseher als Opfer sieht, sondern längst auch vom Fernsehen als Opfer dargestellt wird!

Wer soll vor einem solchen Fernsehen noch Respekt haben? Die Politiker vielleicht? Die Mächtigen der Republik halten von den Magazinen, selbst von den zeitkritischen und den politischen, so viel, dass sie sich nicht einmal für ein Minütchen Statement Zeit nehmen; wohl wissend, dass die Talkshowstühle ihnen schon morgen unter die Hintern geschoben werden. Das spüren auch die Magazineure. Da viele von ihnen längst um die Kleinwüchsigkeit ihrer Themen wissen, arbeiten sie an deren Inszenierungskünsten. Merke: Im Scheinwerferlicht wirft auch der kleinste Zwerg lange Schatten. Was bietet die Fernsehtechnik nicht alles an: versteckte Kameras, grafisch verfremdete Schriftstücke mit farblich abgesetzten Paragrafen, mit der Handkamera kunstvoll verwackelte Bilder, Stimmenverzerrung, verpixelte Gesichter, das eigentlich Authentische wird stilisiert, nachgerade verspottet. Es ist ja nun nicht so, dass die Magazin-Macher sich hinter irgendwelchen Bäumen verstecken müssen und dann ein Berichtsopfer überfallen müssen. Sehr wahrscheinlich ist, dass viele, viele Themen mitsamt den Betroffenen in die Redaktionen gelaufen kommen. Ein Redakteur von „Galileo“ sagt, die Pro7-Sendung sei für Forscher und Wissenschaftler relevant, weil beide Betroffenengruppen unter aktuellem Kürzungsdruck ihrer Ressourcen ihre Themen zunehmend in den Medien stattfinden lassen müssen. Der aus dem politischen Raum stammende Spruch, „Ohne Phoenix is nix“, gilt auch für andere Bereiche.

Was mich immer noch verblüfft: Die offensichtliche Bereitschaft so vieler Mitbürgerinnen und Mitbürger, aktiv, freiwillig und offenherzig ihre Person, ihr Anliegen und ihr Thema im Magazin-Fernsehen auszubreiten. Offensichtlich erscheint vielen im Zeitalter der Befriedigung und Sättigung materieller Bedürfnisse die öffentliche Wirkung als wichtiges, vielleicht sogar als das letzte Gut in unserer Gesellschaft. Deswegen muss auch „Big Brother“ funktionieren.

Die Magazine haben einen unglaublichen Themenhunger, der nicht leicht zu stillen ist. Weshalb Mitbürger mit mitmenschlichen Themen in den Redaktionen herzlich willkommen sind. Aber bitte mit Schmackes: Nur für ein Skandalönchen gibt’s ein TV-Tönchen. Der so gewonnene Reichtum an Themen geht einher mit einer speziellen Armut der Themen, soll heißen, das Magazin-Fernsehen tritt spät in den Lebenszyklus eines Themas ein. Heißt auch: Themen erlangen nur ganz selten Relevanz durch das Fernsehen, sondern gelangen erst ins Fernsehen, wenn sie bereits Relevanz besitzen. Der Mainstream der Themen wird durch den „Wiederkäuerjournalismus“ und die Recherchefaulheit befördert, ebenso das permanente Recyclen von Themen. Drittens wird der Verfallsprozess eines Themas vom Magazin-Fernsehen enorm beschleunigt. Das Medium verlässt sich ganz auf die Macht und die Herrlichkeit der Bilder – als ob sich die Fernseh-Journalisten sagen würden, es ist zwar alles schon einmal, ja mehrfach gezeigt worden, aber noch nie mit unseren Bildern!

Die Relevanz der Magazine: Gibt es so etwas wie einen Relevanzmesser? Es gibt ihn. Es ist das „Zitaten-Ranking“ des „Medien-Tenors“. Was war 2003 das meistzitierte Medium in Deutschland? 1. „Spiegel“. 2. „Bild“. 3. „Focus“. 4. „Bild am Sonntag“. 5. „Welt am Sonntag“. 6. „Berliner Zeitung“. 7. „Der Tagesspiegel“. 8. „Süddeutsche Zeitung“. Und dann auf Rang neun das erste elektronische Medium: das ZDF.

Eine Studie sagt, dass Zapper ungefähr nach zehn Minuten wieder dort ankommen, wo sie mit dem Zappen gestartet haben. Für die Magazine brillant: Der Zapper landet wieder beim Magazin und sieht doch ein ganz neues Fernsehen. Neue Betroffene, neues Thema, neues Interesse. Für wen ist deswegen das Magazin im deutschen Fernsehen relevant? Für den Zapper. Also für uns alle?

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben