Meinung : Tausche Schutz gegen Gefolgschaft

Das US-Imperium beruht auf Militär, Wirtschaft und Kultur – und reiht sich so ein in die Geschichte der Hegemonialstaaten

Herfried Münkler

Bei der Betrachtung von Imperiumsbildungen fällt der Blick als Erstes auf den Gebrauch militärischer Mittel. Kein Imperium konnte sich bilden, das seinen Nachbarn militärisch nicht weit überlegen war. Das gilt vor allem für die Imperien der großen Eroberer: Ohne die Wucht der Sarissenphalanx und den Schockangriff seiner Elitereiterei hätte der Makedonenkönig Alexander das Perserreich nicht erobern können. Die Leistungsfähigkeit der Legionen als Basis der römischen Weltreichsbildung ist oft beschrieben worden. Und das von Dschingis Khan geschaffene Mongolenreich, das flächenmäßig größte Territorialimperium, das es je gab, wäre ohne die Kampfkraft der Steppenreiter, die Durchschlagskraft des Reflexbogens und die Fähigkeit zur großräumigen Führung von Heeresverbänden nicht entstanden.

Ohne Pferd und Kanone hätten die Spanier nicht Amerika erobert, und selbst die vorwiegend an Handel und Geschäften interessierten Portugiesen und Niederländer hätten ihre Handelsimperien ohne das militärische Rückgrat hochseetüchtiger Kriegsschiffe nicht errichten können. Für die USA ist es die Kontrolle des Luft- und des Weltraums, auf die sich ihre imperiale Dominanz stützt.

Die Asymmetrie der militärischen Fähigkeiten begünstigt Imperiumsbildungen, wenn sie diese nicht provoziert. Wo die militärischen Fähigkeiten der Nachbarn tendenziell symmetrisch sind beziehungsweise zeitweilige Vorsprünge und Überlegenheiten einer Seite schon bald wieder resymmetriert werden, kann es zu keiner dauerhaften Imperiumsbildung kommen. In Europa war dies nach dem Untergang des weströmischen Reiches der Fall. Die Staufer, die Habsburger, die Bourbonen, die beiden Napoleons und auch die Hohenzollern sind mit ihren imperialen Projekten gescheitert. Nicht der Fall war dies außerhalb Europas, wo die Waffentechnologie und Militärorganisation, die in Europa auf symmetrische Kontrahenten stieß, eine asymmetrische Überlegenheit entfaltete. So konnten die Kolonialimperien der Europäer entstehen. Und auf dieser Basis expandierten auch die Vereinigten Staaten nach Westen und das zaristische Russland nach Osten.

Die aktuelle militärische Überlegenheit der USA resultiert aus dem Zusammenbruch der Sowjetunion, vor allem aber aus der waffentechnischen Nutzung der mikroelektronischen Revolution, in deren Folge die USA bei konventionellen Waffen eine Überlegenheit gewonnen haben, wie es sie seit Jahrhunderten nicht mehr gab. Die Ergebnisse dieser revolution in military affairs lassen sich knapp zusammenfassen: erhöhte Treffsicherheit bei größerer Distanz, höhere Beweglichkeit bei geringerer eigener Verwundbarkeit, verminderter Nachschubbedarf in Gefechtsfeldnähe und schließlich erhöhte Informationsdichte sowie beschleunigter Informationsfluss. Die revolution in military affairs hat zwar die nukleare Symmetrie nicht aufgehoben, aber in konventioneller Hinsicht hat sie den USA eine gewaltige Überlegenheit verschafft.

Bei dieser Innovation mitzuziehen, um die Symmetrie aufrechtzuerhalten, war für die späte Sowjetunion aus vielen Gründen unmöglich. Auch in China kam man zu dem Ergebnis, dass man mit der neuen Waffentechnik der USA (vorerst) nicht mithalten konnte. Die Einzigen, die dazu wirtschaftlich und technologisch in der Lage gewesen wären, waren die Europäer, aber die zeigten politisch wenig Neigung dazu. Sie kassierten lieber die Friedensdividende, als in eine Rüstungsspirale einzutreten, die obendrein eine ungewohnte innereuropäische Kooperation erfordert hätte.

Dass die Europäer die USA bei der revolution in military affairs davon ziehen ließen, fiel ihnen auch darum leicht, weil sie sich unter deren militärischem Schutzschirm geborgen wussten. Damit wird einer der wichtigsten Mechanismen bei der Entstehung von Imperien sichtbar: die Erteilung von Sicherheitsgarantien seitens der imperialen Macht. Man verspricht potenziellen Konkurrenten Schutz, um sie vom Aufbau eigener Fähigkeiten abzuhalten. Imperiale Politik besteht mindestens ebenso in der Erteilung solcher Garantien wie in der gewaltsamen Durchsetzung von Interessen. Das lässt sich an der Entstehung des Imperium Romanum ebenso studieren wie am Britischen Empire oder den USA nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Imperien entstehen zum geringeren Teil durch die Androhung und Ausübung von Gewalt gegen Feinde, sondern viel stärker durch Schutz und Schirm für Freunde. Denen mag die spätere Abhängigkeit nicht recht sein – aber auf das Schutzangebot lassen sie sich bereitwillig ein. Wo kein Schutz mehr nachgefragt wird, hat das imperiale Zentrum ein Problem, denn dann gewinnen die zentrifugalen Tendenzen an Kraft.

Es sind aber keineswegs nur militärische Faktoren für die Entstehung und Stabilisierung von Imperien ausschlaggebend. Mindestens ebenso bedeutsam ist die Kontrolle von „Weltwirtschaften“, also die Integration großer Wirtschaftsräume, in denen das Imperium Frieden und Rechtssicherheit garantiert. Der imperiale Raum hebt sich von seiner Umgebung als Zone erhöhter Lebensqualität und größeren Wohlstands ab. Vor allem dadurch erlangen Imperien Stabilität und Langlebigkeit. Die Voraussetzung dafür ist freilich, dass das imperiale Zentrum zu dem von ihm kontrollierten Raum nicht in einer wesentlich ausbeutenden Beziehung steht, sondern in ihn auch investiert. Solche Investitionen sind über die Garantien von Frieden und Sicherheit hinaus wirtschaftliche Investitionen in Regionen, die nach Katastrophen und Kriegen der Hilfe bedürfen. Das war nach dem Zweiten Weltkrieg in Westeuropa der Fall und hat sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auf Mitteleuropa ausgedehnt.

Um Großräume wirtschaftlich zu integrieren, muss das imperiale Zentrum über Ressourcen und Kompetenzen verfügen, die von anderen nicht in vergleichbarer Weise bereitgestellt werden können. Mindestens ebenso wichtig wie die militärischen Fähigkeiten, die den Raum nach Außen wie Innen sichern, ist das Vorhandensein einer Leitwährung für den imperialen Raum. Mit dem Wechsel der internationalen Leitwährung vom Pfund Sterling zum Dollar zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg ist die Imperiumsposition in der westlichen Welt von Großbritannien auf die USA übergegangen. Daneben muss das imperiale Zentrum über ein Handels- und Wirtschaftsrecht verfügen, das Orientierungsfunktion besitzt. Das ist umso mehr der Fall, je stärker die Wirtschaft des imperialen Zentrums ist und je deutlicher sie die dynamischen Wirtschaftssektoren beherrscht.

Nicht zu unterschätzen ist auch, ob die Wirtschaftsverfassung des Zentrums das Leitmodell des gesamten Raumes darstellt und so dessen Entwicklungsrichtung vorgibt. Auch hier sind die Veränderungen der 1990er Jahre aufschlussreich: Hatte es zuvor den Eindruck, als seien die korporatistischen Modelle der Japaner und Deutschen denen der USA bei Wirtschaftssteuerung und Krisenbewältigung überlegen, so änderte sich dies mit jenen Deregulierungen, die inzwischen als Globalisierung bezeichnet werden: Innerhalb weniger Jahre haben die USA ihre Attraktivität als Leit- und Orientierungsmodell zurückgewonnen, wobei sie dem durch ihren Einfluss auf die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds nachzuhelfen wussten.

Nach Krise und Selbstzweifeln der 1970er Jahre sind die USA während der Präsidentschaft Ronald Reagans in einen neuen imperialen Zyklus eingetreten. Dieser Zyklus beruht auf einer Kombination von Dominanz in den Leitsektoren der Weltwirtschaft mit einer auf Mikroelektronik und Biotechnologie gestützten neuen Dynamik der amerikanischen Wirtschaft, der asymmetrischen Überlegenheit ihrer Streitkräfte, dazu einer sprunghaft gestiegenen Attraktivität als Wissenschaftsstandort und im Ergebnis dessen einem deutlich gewachsenen Selbstbewusstsein der amerikanischen politischen Elite – gleichgültig, ob es sich um Demokraten oder Republikaner handelt. Madelaine Albrights Formulierung, die USA seien „die unverzichtbare Nation“, hat dies auf den Begriff gebracht.

Aber Imperien haben immer auch Feinde, die deren Ordnung wegen der asymmetrischen Dominanz, der zivilisatorischen Überlegenheit und vielem mehr zerstören wollen. In der Regel kommen die antiimperialen Akteure von der Peripherie des imperialen Raumes, und was sie politisch anstreben, ist die Ausgliederung ihres Herkunftslandes aus diesem Raum, womöglich aber auch die Zerschlagung des Imperiums als Ganzes. Diese Akteure sind um so effektiver, je besser sie mit der Funktionsweise des Zentrums vertraut sind. Wer das imperiale Zentrum kennt, weiß, wo es verletzlich und angreifbar ist.

Was in der Mitte des 20. Jahrhunderts der Partisanenkrieg war, ist seit Anfang des 21. Jahrhunderts der Terrorismus, der als eine asymmetrische Antwort auf die asymmetrische militärische Überlegenheit der USA zu begreifen ist. Die einzige Möglichkeit rudimentärer Symmetrierung ist die Verfügung über Atomwaffen in Verbindung mit weitreichenden Trägersystemen. Wer Atomwaffen hat, ist den USA zwar nicht ebenbürtig, aber durch sie auch nicht angreifbar. Das zeigt der Vergleich zwischen Nordkorea und dem Irak. Die Folge dessen ist ein im letzten Jahrzehnt wieder deutlich gewachsenes Interesse an Nuklearwaffen und im Gefolge dessen eine verschärfte Politik der anti- und counterproliferation von Seiten der USA. Diese Politik ist nicht nur dadurch motiviert, dass sich Atommächte dem Zugriff der imperialen Ordnungsmacht entziehen können, sondern sie bedrohen auch regionale Stabilitäten, die zu garantieren, die wichtigste Aufgabe des imperialen Zentrums ist.

Eine ebenso große Bedrohung des imperialen Zentrums ist der transnationale Terrorismus und zwar deswegen, weil Netzwerkorganisationen, die weltweit zu terroristischen Attacken in der Lage sind, gleichsam ein Spiegelbild der asymmetrischen Fähigkeiten des Imperiums darstellen. In militärischer Hinsicht ist die asymmetrische Überlegenheit des imperialen Militärapparats daraus erwachsen, dass immer neue Räume für die Kriegsführung erschlossen wurden, von der See über die Luft bis zum Weltraum, und dadurch eine relative Unverwundbarkeit der diese Räume beherrschenden Mächte entstand.

War der feste Boden der bevorzugte Raum von Territorialstaaten, so entwickelten sich eine Reihe von Imperien über die Kontrolle der Weltmeere, und inzwischen ist der Weltraum die sicherlich wichtigste Quelle imperialer Dominanz geworden. Auch die Terrornetzwerke haben sich vom Territorium gelöst, aber nicht durch die Erschließung neuer Räume, sondern durch das Untertauchen in einem entgrenzten sozialen Raum, aus dem sie dann überraschend auftauchen, zuschlagen und wieder verschwinden.

Entscheidend für das Ausmaß der Bedrohung durch die neuen Formen des Terrorismus ist freilich der Umstand, dass sie sich aus denselben Quellen speisen, aus denen auch die USA als imperiales Zentrum ihre Kraft und Energie beziehen: aus dem Prozess der Globalisierung, in dessen Gefolge die Steuerungs- und Kontrollfähigkeit der Territorialstaaten geschwächt worden ist. Der transnationale Terrorismus profitiert vom Zerfall der Staatlichkeit in weiten Teilen der Welt und den Schattenkanälen der Globalisierung, über die er seine Gruppen versorgt. Diese Logistik des Terrorismus ist durch entsprechende Gegenmaßnahmen zwar einzuschränken, aber nicht zu unterbinden, weil sie zu eng mit den Lebensadern des imperialen Wirtschaftsraums verbunden ist.

Man wird davon ausgehen müssen, dass der Terrorismus in den nächsten Jahrzehnten die Rolle spielen wird, die der Partisanenkrieg in der Phase der Entkolonialisierung gespielt hat. Er wird das Imperium herausfordern, aber ihm gerade dadurch auch Legitimität und Zuspruch verschaffen.

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