Tempelhof : Radeln auf dem Rollfeld

Skater, Fußballspieler oder flanierende Pärchen: Ständig wurde es angemahnt, nun ist es da - das Nachnutzungskonzept für Tempelhof.

Gerd Nowakowski

Das Bild wird wehtun; jedenfalls vielen Tempelhof-Fans. Skater auf der Landebahn, Fußballspieler auf dem Rasen und flanierende Pärchen vor schicken Wohnhäusern – so soll die Zukunft des Berliner Traditions-Airports aussehen. Jedenfalls will das der Senat. Fünf Stadtquartiere, eine weite Parkfläche und im riesigen Flughafengebäude die Kreativen: 5000 Arbeitsplätze und 5000 Wohnungen verspricht das Konzept für die fluglose Zeit.

Überfällig war ein solches Konzept. Glaube nämlich niemand, die 200 000 Unterschriften für den weiteren Betrieb des Flughafens hätten nicht auch viel mit dem Misstrauen der Berliner zu tun, der Senat schließe im Herbst, ohne eine Idee zu haben, was mit dem wertvollen Gelände zu machen sei. Immerhin weiß niemand, ob der Großflughafen in Schönefeld wirklich bis 2011 fertig wird – in dieser Stadt der Baupleiten und Planungspannen. Viele halten einen City-Airport für unverzichtbar, andere fürchten nach einem Aus die Verslumung und Vermüllung, für dritte hat der Zentralflughafen auf ewig einen Platz im Herzen als Rettungsleine in den freien Westen.

Ein großer Wurf? Kaum. Nicht einmal neu ist das, was der Senat vorstellt. Von der Randbebauung sprachen schon andere; und die Parklandschaft ist wegen der Klimawirkung für Stadtökologen unerlässlich. Falls aber das Filmstudio Babelsberg tatsächlich das Hauptgebäude komplett nutzen will, wäre das ein Coup. Und ein starkes Zeichen, dass die Kreativwirtschaft ein Zukunftsfaktor ist.

Nur die Strategie des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit ist futsch, weil die Studio-Ansiedlung – angeblich schon vor Monaten eingefädelt – jetzt bekannt wurde. Der kühle Rechner Wowereit redet nämlich im Gespann mit Finanzsenator Thilo Sarrazin seit langem das Gelände schlecht: marode Bausubstanz, eventuelle Bodenverunreinigung, unverkäufliche Grundstücke. Denn noch gehört die riesige Fläche nicht Berlin; um den Preis wird mit dem Bundesfinanzminister gestritten.

Der rot-roten Koalition hat dieses Verzögern und Taktieren geschadet. Jetzt geht es nämlich nicht um einen Schnäppchenpreis, sondern darum, bei den Berlinern – spät , vielleicht zu spät – mit Alternativen zum Flugbetrieb um Vertrauen zu werben. Sie haben ein Recht zu erfahren, wie es in Tempelhof weitergehen soll. Schließlich findet am 27. April der Volksentscheid über den weiteren Betrieb des Flughafens statt.

Das werden viele Berliner für eine vorgezogene Abstimmung über die Arbeit der rot-roten Koalition nutzen. Bunte Bilder sollen zeigen, dass es ein Leben nach dem letzten Start geben kann. Wenn das Konzept aber nicht überzeugt und 600 000 Berliner für den weiteren Flugbetrieb von Tempelhof stimmen, sieht alles ganz anders aus. Und Wowereit sehr alt.

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