Meinung : „Theatralik in der Politik“

Thomas Wolgast

Das ist der Titel der Promotion, die Ralf Stegner nach dem Studium in den USA verfasste. Dazu passt der eilig-dramatische „offene Brief“, den der SPD-Finanzminister an die „feige, schäbige und charakterlose“ Person schrieb, die Heide Simonis in vier Wahlgängen die Stimme verweigert hatte. Manche haben ihn selbst im Verdacht. Stegner redet so schnell, wie sich seine Gedanken entfalten. Dennoch ist seine Rhetorik brillant. Als Simonis’ „Kronprinz“ galt er auch, weil er aus der „Bordesholmer Schmiede“ stammt: In dem kleinen Ort nahe Kiel hat die Noch-Ministerpräsidentin ihren Wohnsitz. Dort treffen sich ihre Vertrauten gern zum Tee. Wegen dieser politischen Herkunft und wegen der Protektion durch die Landesmutter gilt es an der Förde als wenig wahrscheinlich, dass Stegner der „Heide-Mörder“ war.

Stegner ist 1959 im pfälzischen Bad Dürkheim geboren, hat an der amerikanischen Harvard-Universität studiert. Seine politische Karriere begann er als Pressesprecher des legendären schleswig-holsteinischen SPD-Landesvorsitzenden und späteren Sozialministers Günter Jansen, der später an der „Schubladen-Affäre“ scheiterte. Bald wurde er Staatssekretär in den Ressorts Soziales und Bildung und in der vergangenen Legislaturperiode schließlich Finanzminister. Politisch bewegt er sich weitgehend auf Simonis-Linie: für die Erhöhung der Mehrwertsteuer und eine Vermögenssteuer, die Wohlhabende stärker zur Kasse bittet. Die stärkeren Schultern müssen mehr tragen, zugunsten der sozialen Gerechtigkeit.

Stegner gilt in Kiel als umgänglich im persönlichen Gespräch, gar als intellektuell hochinteressant. Bei Auftritten in der Öffentlichkeit hat er dagegen schon öfter den Polarisierer gegeben. Er führt eine scharfe Zunge, die von einem ebenso scharfen Verstand gelenkt wird – so kommt er bei der Parteibasis gut an. Zu seinen äußeren Kennzeichen gehört eine gebundene Fliege. Im Kabinett von Simonis ragte er heraus als einer, der sich auch in der Bundespolitik einen Namen machte, vor allem mit neuen Steuerkonzepten.

So ist er eine natürliche Führungsfigur in den Verhandlungen über eine Große Koalition. Die Chance auf ein neues Ministeramt wird Stegner jedoch nicht so automatisch bekommen. Das Amt des Finanzministers beansprucht bereits der CDU-Bundestagsabgeordnete Austermann, haushaltspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion in Berlin. Da Austermann seinen Wahlkreis in Schleswig-Holstein hat, kann ihn der künftige Regierungschef Carstensen kaum übergehen.

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