"Time" macht Merkel zum Titelbild : Zu viel Lob klebt

Frau des Jahres! Nobelpreisträger! An der Last solcher Ehrungen können Politiker nur zerbrechen. Ein Kommentar

Ursula Weidenfeld
Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin. Sie war unter anderem Chefredakteurin von "impulse".
Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin. Sie war unter anderem Chefredakteurin von "impulse".Foto: Mike Wolff

Angela Merkel wurde in der vergangenen Woche vom „Time Magazine“ als wichtigste Person des Jahres 2015 aufs Titelbild gehoben. Gerhard Schröder wurde am selben Tag – neben Willy Brandt und Helmut Schmidt – in die Reihe der bedeutenden Sozialdemokraten aufgenommen. Den Gelobten merkte man an, dass es ihnen nicht ganz wohl mit der Ehre war. Zu Recht. Wer zu Lebzeiten in die Reihe der Großen dieser Welt geadelt wird, hat es danach nicht leichter, im Gegenteil: Im Moment des hellsten Lichts wird deutlich, wie schwarz der Schatten drumherum schon ist.

Die Flüchtlingskrise zeigt, wie nah ihr die schwarzen Schatten schon sind

Wer auf dem Gipfel des Lobs angekommen ist, muss spüren , dass es danach nur bergab gehen kann. Barack Obama bekam den Friedensnobelpreis schon zu Beginn seiner Amtszeit, natürlich wurde er „Man of the year“ von „Time“. Nicht mehr der noch unerfahrene Präsident verhandelte nun die Nachwirkungen der Finanzkrise oder die richtigen Strategien zur Befriedung im Nahen Osten – nun reiste immer der Friedensnobelpreisträger an. An dieser Last kann man nur zerbrechen.
Für Gerhard Schröder ist es noch einfach. Will er bedeutender Sozialdemokrat bleiben, muss er sich als Privatmann nur etwas zurückhalten, was seinen Geschäftssinn betrifft. Angela Merkel dagegen reagierte schon ziemlich barsch, als ihr im Herbst ein Platz auf der Shortlist für den Friedensnobelpreis angedichtet wurde. Zu viel Lob von zu hoher Instanz klebt. Die Gegner werden sich darauf beziehen, wenn sie erklären, warum die oder der einst Gefeierte danach immer unter Niveau gearbeitet hat. Die Anhänger werden traurig den Kopf schütteln und bemerken, dass früher mehr Glanz und Charisma, mehr Energie und Lösungswille waren.


Erst Recht in diesen Zeiten: Ohnehin schon konzentriert sich alles auf die Person. Die Regierungsfähigkeit einer Koalition wird allein auf eine Person projiziert. In Deutschland ging das bisher erstaunlich gut, weil Merkel keine Visionen zur Wahl stellt. Sie übt Regierungshandwerk aus. Für diesen Pragmatismus wurde sie lange kritisiert oder belächelt – und solange hat er auch gut funktioniert. Nun aber wird ihre Visionslosigkeit als die einzig glaubwürdige politische Programmatik des 21. Jahrhunderts gefeiert, die Kanzlerin ist für die höchsten politischen Preise gut. Die Flüchtlingskrise zeigt, wie nah ihr die schwarzen Schatten schon sind.

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