Meinung : Tortur de France

Jacques Chirac ist politisch am Ende – doch bis zur nächsten Wahl sind es noch zwei Jahre

Guillaume Decamme

Zuerst kamen die Publikumslieblinge von der Hundebrigade, dann die Fremdenlegionäre. Schließlich wurde die Nationalhymne angestimmt und die Trikolore geschwenkt. Jacques Chirac blickte zufrieden auf seine kleine heile Welt, die am Nationalfeiertag auf der Champs-Elysées paradierte.

Nach zwei Stunden war es dann vorbei mit dem patriotischen Brimborium. Chirac musste zurück in die reale Welt, sich den Fragen der Journalisten zu den erschreckenden Arbeitslosenzahlen und der geschwächten Position Frankreichs in der EU stellen.

Wie eh und je taten sich die charmanten Grübchen auf, sobald er den Mund öffnete. Wie eh und je reckte er pädagogisch den Zeigefinger in die Luft. Aber das Lächeln saß schief, der französische Staatspräsident wirkte müde, deprimiert und von seinem Diskurs überhaupt nicht überzeugt. Das Stehaufmännchen Chirac ist am Ende seiner Kräfte angelangt – und das ist ihm deutlich anzumerken.

Als der Premierminister noch Jean-Pierre Raffarin hieß und die Regierung sich auf „das Frankreich von unten“ stützen wollte, um die Wirtschaft wieder auf Vordermann zu bringen, war es Chirac für kurze Zeit gelungen, den Nobody als Wunderheiler zu verkaufen. Heute heißt der Regierungschef Dominique de Villepin – und Jacques Chirac kann ihn unmöglich als Helden des Wirtschaftsaufschwungs bewerben. Der Trick funktioniert nicht mehr. Villepin ist ein Diplomat, kein Ökonom. Und leider braucht das Land zurzeit einen Politiker, der von Zahlen mehr versteht als von Beschlüssen der UN.

Das weiß auch Chirac. Zu anderen Zeiten hätte er – der seit 40 Jahren im Politikgeschäft ist – wohl wieder tief in die Trickkiste gegriffen und die wirtschaftliche Inkompetenz seines Premiers durch seinen legendären Optimismus und eine halbwegs glaubwürdige Zukunftsvision für das Land kaschiert.

Aber der französische Staatschef hat kein Projekt mehr. Vor allem hat er keine Lust mehr. Schlimmer noch: Er gibt sich nicht mehr die Mühe, seine Lustlosigkeit zu überspielen. Er hat das EU-Verfassungsreferendum verloren, die Arbeitslosigkeit liegt immer noch über der 10-Prozent-Marke, die Wirtschaft ist im Keller. Und der Präsident? Er zieht sich in seinen Palast wie in einen Bunker zurück, spricht mit nur noch wenigen Getreuen und sieht dem Niedergang Frankreichs tatenlos zu. Eigentlich kein Wunder, dass die Olympischen Spiele 2012 nicht an die Hauptstadt eines gelähmten, zuweilen reaktionären Landes gegangen sind, dessen Oberhaupt nicht sehen, nicht hören und nicht sprechen will.

Bis zur nächsten Präsidentschaftswahl sind es noch zwei Jahre. Im Nationalfeiertag-Interview von Donnerstag schloss Chirac eine erneute Kandidatur nicht aus. Bleibt nur zu hoffen, dass dem Polit-Haudegen noch etwas Hellsichtigkeit übrig geblieben ist, um sich eine solch desaströse Geste zu verkneifen.

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