Tour de France : Im Straßengraben

Die Tour de France lässt Lance Armstrong wiederauferstehen – damit stirbt ihr Mythos. Ernst zu nehmen ist sie nur noch als Spektakel.

Robert Ide

Übrigens, heute startet die Tour de France. Das war einmal ein großes Sportereignis – in jener unwiederbringlich verloren gegangenen Zeit, in der der Sport sich noch selbst erklärte und die Rundfahrt einfach nur als das härteste Radrennen der Welt galt. Das härteste Rennen der Welt ist die Schleife übrigens immer noch. Vor allem für die verbliebenen Radsportfans.

Die Dopingkontrollen für diese Tour sind verschärft worden. Es soll noch mehr Tests geben, mit denen noch mehr verbotene Mittel nachgewiesen werden können. Fahrer müssen nun sogar das ganze Jahr über ihre Blutwerte auf verdächtige Schwankungen hin überprüfen lassen – ein Verfahren, das juristisch umstritten ist und das gestern Abend auch zur überraschenden Dopingsperre der Berliner Eisschnellläuferin Claudia Pechstein geführt hat.

Im Sport der Neuzeit lässt sich die Unschuldsvermutung eben nur noch schwer verteidigen, im Radsport der Neuzeit erst recht nicht. Nach allem, was man mittlerweile über die Netzwerke von Blutpanschern weiß, die bis in die Universität Freiburg hineinreichten; nach allem, was über die an viele Radteams angeschlossene Medikamentenmafia bekannt ist. Mit unschuldigen Augen lassen sich die einstigen Helden der Rennstrecken kaum noch begleiten – zumal es im Radsport immer noch die alten sind.

Aber auch das alles sei in Sachen Tour de France nur am Rande erwähnt. Denn ernst zu nehmen ist sie sowieso nur noch als Spektakel. Als jährliche Wiederholungsschleife eines einstigen Mythos, der in seinen Grundfesten erschüttert ist. Welcher Gesamtsieger der vergangenen Jahre hatte nichts mit verbotenen Substanzen zu tun? Gegen diese Frage riefen die Veranstalter eine Weile die Parole von einer sich selbst reinigenden Rundfahrt aus. Diese neue Tour, wenn sie nicht nur ein Wunschbild war, erstickte jedoch schnell am altbewährten Betreuer- und Fahrerpersonal. So ging der letzte Rest Glaubwürdigkeit verloren – und mit ihr der unschuldige Blick auf spektakulär aussehende Antritte im Hochgebirge und schnelle Schlusssprints aus dem Peloton. So stirbt der Mythos der Tour de France, selbst wenn das Ereignis weiterlebt und sich in diesem Jahr einer Wiedergeburt der besonders bizarren Art bedient: der des Lance Armstrong.

Der Profiradsport hat sich diesmal komplett ausgeliefert – einem Mann, der wie ein Sinnbild für seine Branche steht. Armstrong hat die Tour sieben Mal gewonnen, positive Doping-Nachproben haben dieses kaum zu glaubende Ergebnis nicht korrigieren können. Nur das Bild von Armstrong hat sich verändert, zumindest in Europa und besonders in Deutschland. Die Härte, mit welcher der Amerikaner nicht nur das Fahrerfeld zu beherrschen sucht, sondern auch sämtliche Kritiker, Rechercheure und Zweifler von der Rennstrecke in den Straßengraben stößt, passt gut zu einer Sportart, die ihren inneren Halt verloren hat und damit auch ihren äußerlichen Zauber.

So gesehen hat die Tour de France mit Lance Armstrong wieder zu sich selbst gefunden. Weit weg vom Sport.

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