Meinung : Tränen auf dem Dach der Welt

Die neue Bahnlinie Peking–Lhasa bedroht das kulturelle Erbe Tibets

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Von Richard Gere Jetzt ist sie fertig, die am höchsten gelegene Eisenbahnlinie der Welt. Peking-Lhasa, das ist eine atemberaubende Ingenieurleistung und Zeugnis der Größe Chinas. Die Linie ist aber auch die bislang größte Bedrohung für das Überleben Tibets einzigartiger religiöser, kultureller und sprachlicher Identität. Oder, wie es ein bekannter tibetischer Buddhist ausdrückte, der nach Jahren in chinesischer Haft starb: die Eisenbahn bringt „eine Zeit von Not und Dunkelheit“ nach Tibet.

Die Eisenbahn entlang des „Daches der Welt“ wird eine weitere Militarisierung der Region mit sich bringen, sie wird die schon jetzt verheerende Ausbeutung von Tibets Ressourcen beschleunigen und die Zahl chinesischer Einwanderer erhöhen – und das tibetische Volk weiter marginalisieren. In der Hauptstadt Lhasa sind die Tibeter schon jetzt in der Minderheit.

Nach Chinas Invasion 1949/50 wurden tausende buddhistischer Klöster zerstört, hunderttausende Tibeter starben. Heute ist die Unterdrückung subtiler. Einige Klöster wurden wieder aufgebaut – meist als Ausstellungstücke für die wachsende Zahl von Touristen im Land. Eine vollwertige religiöse Ausbildung zu bekommen, ist aber für Tibeter unmöglich, und schon wer ein Bild des Dalai Lamas besitzt, macht sich strafbar.

Ein alter Nomade hat mir von den Problemen seiner Söhne erzählt, die weder im örtlichen Bergwerk Arbeit finden, weil es nur Chinesen einstellt, noch in den Geschäften, die nur chinesische Sachen verkaufen. Das Vieh hatten die Behörden seiner Familie schon weggenommen, Nomaden in Tibet sollen fest angesiedelt werden. Der alte Mann sagte mir: „Sie haben mir mein Land unter den Füßen weggerissen.“ Ohne angestammtes Land, ohne Religion verschwinden Kulturen. Ist es das, was die Chinesen wirklich wollen?

Die Tibetbahn hat vier Milliarden Dollar gekostet und ist Teil von Chinas Infrastrukturplan „Großer Sprung nach Westen“. Doch eigentlich geht der Bau auf strategische und politische Interessen zurück, die bis in die 40er Jahre zurück reichen: Hauptprofiteure sollten demnach die Besatzungstruppen, chinesische Unternehmen und Siedler sein – nur nicht das tibetische Volk. Tibeter haben weder die Chance, um in der von Chinesen dominierten Wirtschaft zu bestehen noch können sie von deren Erfolg profitieren.

Mit der neuen Strecke geht auch eine Verschärfung der Unterdrückung der politischen Rechte einher. Tibets neuerKP-Führer Zhang Qingli sprach kürzlich von einem „Kampf auf Leben und Tod“ gegen den Dalai Lama und seine Unterstützer. Es ist entmutigend, dass die Regierung ausgerechnet jetzt, wo viele Chinesen stolz sind auf die technischen Errungenschaften im Land, auf eine Rhetorik zurückgreift, die in der Paranoia der Kulturrevolution stecken geblieben zu sein scheint.

Chinas Präsident Hu Jintao hat die Strecke am 1. Juli eröffnet. In den 80er Jahren war er Parteichef in der Region und damals verantwortlich für Folter und Massenverhaftungen nach der Einführung des Kriegsrechtes in Lhasa. Die Tibeter haben seine Rolle als Unterdrücker nicht vergessen.

Staatschef Hu war auch persönlich für die Einführung der beschleunigten Entwicklungspolitik verantwortlich, die sich für so viele Tibeter als Desaster herausstellte. Diese Politik basiert auf dem Modell chinesischer Städte und lässt tibetische Traditionen völlig außer Acht.

Einen wirklich „großen Sprung nach vorn“ und ein Zeichen echten guten Willens könnte Hu setzen, wenn er auch für Tibeter Möglichkeiten für eine wirtschaftliche Entwicklung einräumen, wenn er Tibets religiöse und kulturelle Identität schützen würde und den Dalai Lama in Entscheidungen über die Zukunft Tibets einbeziehen würde. Seit 2002 gab es zwar insgesamt fünf Gesprächsrunden zwischen Peking und Abgesandten des Dalai Lama, die ersten nach jahrzehntelangem Stillstand, doch ein Bekenntnis Chinas zur kulturellen Identität Tibets ist weiterhin ausgeblieben.

Tibet hat ein reiches kulturelles Erbe. Seine Religion lebt von den Prinzipien von Weisheit und Mitgefühl, von der Botschaft von Interdependenz und Gewaltfreiheit. All das ist fest verwurzelt in Tibets Landschaft und in den Herzen seines Volkes. Das Überleben des buddhistischen Erbes in dessen Heimatland ist nicht nur für das tibetische Volk entscheidend, sondern für die ganze Welt. Chinas Aufbruch zur Großmacht darf nicht länger gleichbedeutend sein mit einer weiteren Zerstörung des tibetischen Erbes.

Der Autor ist Schauspieler und Vorsitzender der International Campaign for Tibet (www.savetibet.de). Übersetzung: Sebastian Bickerich.

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