Meinung : Trialog: Im Gedächtnis

Richard Schröder ist Professor für Theol

Die Erklärung des PDS-Parteivorstands zum Mauerbau sagt Erstaunliches. "Das inhumane Grenzregime ... wurde zum Kainsmal der DDR." "Ein Staat, der sein Volk einsperrt, ist weder demokratisch noch sozialistisch." Da hat der Vorstand einen gewaltigen Schritt nach vorn getan - nur der Vorstand. Denn ein Parteitag der PDS würde diese Erklärung schwerlich verabschieden.

Und trotzdem bin ich mit der Erklärung nicht zufrieden. Dass die Entschuldigung fehlt, stört mich nicht. Wenn Gruppen oder Gemeinschaften für historische Schuld um Entschuldigung bitten, ist das immer gut. Dergleichen einzufordern dient dagegen meistens bloß der Demütigung: "In den Staub mit dir!" So hat nämlich die SED uns Christen zumal in den fünfziger Jahren behandelt, indem sie "die Kirche" für tausend Jahre Krieg und Grausamkeit, Unterdrückung und Aberglauben verantwortlich machte. Solche Kindheitserlebnisse vergisst man nicht. Trotzdem oder deshalb möchte ich nicht mit gleicher Münze heimzahlen.

Es geht hier zuerst darum, ob wir uns heute darüber verständigen können, was damals Unrecht war und was nicht. Nun hat die PDS neben einer weitgehenden Kritik an der SED auch einen Vorwurf an den Westen erhoben: er habe damals keine Verständigung in der festgefahrenen Deutschlandpolitik zustande gebracht, woraus sich offenbar eine gewisse Mitschuld am Mauerbau ergibt.

Leider habe ich ein furchtbar gutes Gedächtnis. Was die SED vor dem Mauerbau vom Westen forderte, war dies: er solle den "kriminellen Menschenhandel" einstellen. Gemeint war die Fluchtbewegung aus der DDR. Die Fluchtgründe aber waren in Wahrheit hausgemacht DDR, wie ich selbst erlebt habe: Repression gegen die eigenen Bürger, aus weltanschaulichen, politischen, wirtschaftlichen Gründen. Gebetsmühlenartig verbat sich die SED zudem die "Einmischung in die inneren Angelegenheiten." Mit der geforderten "Anerkennung der DDR" aber verband sie die Erwartung, dass der Westen DDR-Bürger mit abgelaufener Westbesuchsgenehmigung - nach SED-Jargon: "Bürger, die sich illegal auf dem Territorium der BRD aufhielten" - zurückschickt. Der Westen sollte sich zum Handlanger der SED machen, die ihre Bürger als Leibeigene verstand, wie der "Republikflucht" belegte - merkwürdiger Ausdruck übrigens, denn man flieht ja nur vor Gefahren. Wenn der Westen die Flüchtlinge zur Aburteilung an die DDR ausgeliefert hätte, wäre der Mauerbau tatsächlich unnötig gewesen. Im Unterschied zur PDS sind wir, die damals Betroffenen, dem Westen bis heute dankbar, dass er sich auf so etwas nicht eingelassen hat.

Die PDS macht ihre Vergangenheitserklärungen aus politischen Gründen. Das geht in Ordnung. Politiker dürfen politische Interessen verfolgen. Sie gibt ihre Erklärungen aber vor allem zum Fenster hinaus nach Westen ab und wartet gespannt, ob Herr Müntefering zufrieden ist. Ihr habt im Osten 20 Prozent der Wählerstimmen und dass es in Ostberlin mehr sind, liegt nur daran, dass in der "Hauptstadt der DDR" die DDR-Elite versammelt ist. Ihr könnt nicht für "die Ostdeutschen" sprechen. Westdeutsche sollten diesen Alleinvertretungsanspruch nicht dadurch bestätigen, dass sie die politische Kooperation mit der PDS (über die ich mich jetzt nicht äußern möchte) als einen Akt der Versöhnung zwischen West und Ost ausgeben. Warum ist es am allerwichtigsten, sich mit einer Ost-Minderheit zu versöhnen?

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