Türkei und Russland : Konkurrenz für Europa

Weil die EU der Türkei keine Perspektive gibt, treibt sie das Land in Richtung Russland.

Susanne Güsten

Staaten haben keine Freunde, sondern nur Interessen, lautet ein Grundsatz der internationalen Politik. Obwohl die Türkei erst im vergangenen Monat mithalf, das EU-unterstützte Gasprojekt Nabucco aus der Taufe zu heben, gab sie in der vergangenen Woche auch den Weg frei für das russische Konkurrenzvorhaben South Stream. Dass sie die EU in Sachen Gaspipeline vor den Kopf stößt, interessiert die Türkei reichlich wenig. Denn angesichts der Erfolglosigkeit ihres Europa-Strebens verlagern sich ihre Interessen.

Nabucco soll den russischen Einfluss auf die Gasversorgung Europas senken, South Stream soll genau dies verhindern. Die Russen-Pipeline dürfte der ohnehin von Anbietermangel geplagten EU-Röhre das Leben zusätzlich schwer machen. Könnte sich die Türkei berechtigte Hoffnungen auf einen baldigen EU-Beitritt machen, hätte sie wohl anders gehandelt.

So aber tanzt die Türkei auf zwei Hochzeiten, weil sie ein Hauptakteur der internationalen Energiepolitik werden will – und weil sie sich nicht in die EU-Linie eingebunden fühlt. Es gebe keinen vernünftigen Grund, die türkische Außenpolitik mit Brüssel zu koordinieren, schrieb der Politologe Cagri Erhan jetzt in der Zeitung „Türkiye“. Erhans Begründung: „Die Türkei ist kein EU-Mitglied und wird in absehbarer Zeit auch keines werden.“

Bei der EU kann die Türkei trotz der seit 2005 laufenden Beitrittsgespräche nicht landen. Die offen feindselige Haltung des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und anderer Skeptiker zur türkischen EU-Bewerbung sorgt bei der türkischen Regierung für Frust. Und so wendet sich Ankara anderen Partnern zu. Der wichtigste davon ist Russland.

Moskau ist zum bedeutendsten einzelnen Handelspartner der Türkei aufgestiegen: Rund 40 Milliarden Dollar betrug das jährliche Handelsvolumen zwischen beiden Staaten zuletzt, wie Premier Recep Tayyip Erdogan vergangene Woche beim Besuch von Wladimir Putin in Ankara stolz verkündete. Während Putins Besuch wurden nicht weniger als 20 Abkommen unterzeichnet. Mit Erdogan vereinbarte Putin jährliche Konsultationen. Die Russen wollen das erste türkische Atomkraftwerk bauen. An den türkischen Stränden laufen die Russen den Deutschen den Rang ab. Auch atmosphärisch stimmt alles, obwohl Russen und Türken die Erben von einst konkurrierenden Großmächten sind und sich auch im Kalten Krieg gegenüberstanden.

Die türkische Regierung betont zwar nach außen hin, an ihrer Orientierung in Richtung Europa ändere sich nichts. Doch so ganz stimmt das nicht. Außenminister Ahmet Davutoglu sieht sein Land als eigenständige Regionalmacht mit geostrategisch wichtiger Lage, der auf dem Balkan ebenso zugehört wird wie im Kaukasus oder im Nahen Osten, die mit den USA eine besondere strategische Partnerschaft pflegt und gleichzeitig eng mit Russland kooperieren kann. Das schließt die Fortsetzung der türkischen EU-Bewerbung natürlich keineswegs aus. Doch konkurrenzlos wichtig ist Europa für die Türkei nicht mehr.

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