Meinung : …Türkei

Susanne Güsten

Die Rütli-Schule der Türkei steht in Ankara. An der Hidirliktepe-Grundschule in der türkischen Hauptstadt werden Drogen verkauft und Lehrer mit Messern bedroht, das Auto des Direktors wurde demoliert. Es sei ein Wunder, dass dort überhaupt noch Unterricht stattfinde, zitierte die Zeitung „Hürriyet“ einige ratlose Vertreter des Bildungsministeriums. Auch die Türkei kämpft gegen eine Gewaltwelle in ihren Schulen. Und sie steht dabei noch vor schlimmeren Problemen als Deutschland, denn in der Türkei sind viele Schüler bewaffnet und schrecken auch vor Mord nicht zurück. Erst vor zehn Tagen wurde ein 17-jähriger Gymnasiast in der Südtürkei kurz nach Unterrichtsbeginn vor den Augen seiner Mitschüler erschossen. Die Täterin war seine 16-jährige Freundin, mit der er kurz zuvor Schluss gemacht hatte.

Obwohl es ungewöhnlich ist, dass Mädchen in der Türkei zur Pistole greifen, gehören Bluttaten unter Schülern an sich mittlerweile zum traurigen Alltag im Land. In den vergangenen Wochen gab es an türkischen Schulen mehrere Messerstechereien mit tödlichem Ausgang. Die Beschaffung der häufig bei den Schülerstreitereien verwendeten Schmetterlingsmesser ist für die Jugendlichen kein Problem. Mancherorts werden die Waffen von fliegenden Händlern vor den Toren der Schulen angeboten. Einige türkische Schulen haben inzwischen Wachleute eingestellt, die nach Waffen Ausschau halten und Gewalttaten auf dem Schulhof verhindern sollen. In Istanbul soll die Videoüberwachung der Schulen verbessert werden.

Behörden und Politiker beklagen zwar den allgemeinen Hang zur Gewalt in der türkischen Gesellschaft – aber auf Kampagnen etwa gegen das Waffentragen wird mit Rücksicht auf die häufig recht hartgesottenen Wähler verzichtet. Waffen, Gewalt und Gewaltbereitschaft gehören in der Türkei zum Alltag. Jahr für Jahr werden rund 3000 Menschen im Land erschossen, jeder siebte Türke ist bewaffnet. Es gibt rund zehn Millionen Schusswaffen, wobei die allermeisten Besitzer keinen Waffenschein haben. Das hat Folgen. Erst vor zwei Wochen erschoss ein 14-jähriger Junge beim Spielen einen Klassenkameraden – er hatte die Pistole seines Vaters entwendet.

Der Chef der Istanbuler Schulbehörde, Ömer Balibey, erklärt die Schülergewalt deshalb damit, dass in der Türkei eben eine „Proleten-Kultur“ existiere, die auf die Jugendlichen abfärbe: „Es gibt bei uns Leute, die mit Beil und Messer zum Fußballspiel gehen.“ Oder eben in die Schule.

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