Umgang mit Saudi-Arabien : Den Deckel drauf

Die einen werden bombardiert, die anderen hofiert – so hält es der Westen mit Islamisten. Ein Kommentar

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Der frühere Bundespräsident Christian Wulff (r) spricht am 24.01.2015 in Riad (Saudi-Arabien) mit König Salman.
Der frühere Bundespräsident Christian Wulff (r) spricht am 24.01.2015 in Riad (Saudi-Arabien) mit König Salman.Foto: dpa

Ist das eine Welt. Ach, wäre sie doch ein bisschen besser. Wie sie ist, kann man an den Beileidstelegrammen der Größen des Westens, auch der Bundesregierung, zum Tod des saudischen Königs ablesen. In einer anderen Welt müsste man rufen: zum Gotterbarmen!

Dass Abdullah mutig, warmherzig, moderat und ein Reformer gewesen wäre, kann nur der behaupten, der keine echte Vorstellung von alldem hat. Saudi-Arabien und Reformen, das geht bisher nicht recht zusammen. Ja, graduell hat sich etwas geändert. Frauen dürfen an eine Uni, gut. An eine. Ansonsten gehören sie hinter die Mauern, die Schleier, die Männer. Grundlegend verbessert hat sich also was?

Peitschenhiebe bei Sex vor der Ehe, Amputation von Hand und Fuß bei Dieben

Den Verstorbenen einen Freund zu nennen, ist verderbt. Denn wer sich die Mühe macht wie gerade der „Spiegel“, die Strafen der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS), die einen Kalifatsstaat vom Iran bis zum Mittelmeer errichten will, und der saudischen Monarchie für Vergehen zu vergleichen, dem kann nicht entgehen, was das heißt. Todesstrafe bei Blasphemie, Abwendung vom Islam und Homosexualität; Steinigung bei Ehebruch; Peitschenhiebe bei Sex vor der Ehe; Amputation von Hand und Fuß bei Dieben – nur in einem Fall gibt es diesen Unterschied: Bei Verleumdung und Alkoholkonsum sieht der IS Peitschenhiebe vor, bei den Saudis liegt die Strafe im Ermessen des Richters. Besser macht es das nicht.

So ähnlich sind sie sich in der Grundauffassung. Aber während die einen, der IS, bombardiert werden, werden die anderen – hofiert. Sie sind unsere Freunde, unsere Verbündeten. Gegen den IS. Weil sie unsere Werte teilen? Nein, weil sie Öl haben. Weil sie US-Truppen auf ihrem Gebiet zulassen, und sei es aus Angst vor dem Verlust ihrer absoluten Macht an den IS. Diesen Verbündeten hat der Westen, hat die Bundesregierung Waffen geliefert, Panzer, Kriegsschiffe, Gewehre. Ein Milliardengeschäft. Ein gutes Geschäft? Wenn man zynisch denkt; wenn man so denkt: Seien wir froh, dass einer den Deckel draufhält, dass wenigstens da Islamisten unter Kontrolle sind. Das wollen wir doch, oder? Und mit Patrouillenschiffen kann man keinem die Hand abhacken.

Und Sigmar Gabriel fährt nach Dresden

Wandel durch Anbiederung gibt es nicht. Wandel durch Annäherung ist nicht abzusehen. Was tun? Wenigstens sollte der Westen den Versuch unternehmen, den eigenen Werten halbwegs treu zu bleiben. Realpolitik ist ein Begriff, der sich besonders mit Henry Kissinger verbindet; aber sie muss nicht so zynisch sein wie er mitunter. Sie kann die Balance halten. Wenn schon Basar, dann richtig: nichts ohne Gegenleistung, und zwar im aufgeklärten Sinn. Es muss nicht alles geliefert werden. Grundsätzlich nicht. Bis auf Weiteres wird es das auch nicht mehr, hören wir jetzt. Besser macht es das nicht.

Ach, ist das eine Welt. Und dann fährt Sigmar Gabriel zu denen in Dresden, die in Sorge vor einer Islamisierung des Abendlands sind. Um zuzuhören, was sie so umtreibt. Schon recht. Nur wer soll diese Logik verstehen? Als Mitglied der Bundesregierung ist er mit Waffenausfuhren auch an das radikalislamische Saudi-Regime befasst. Das nebenbei seine Ideologie exportiert. In einer besseren Welt fielen die Beileidstelegramme anders aus. Worte können eine Waffe sein.

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