Meinung : Unerbittliche Selbstdisziplin Eine sehr aktuelle Erinnerung an Herbert Wehner

Robert Leicht

Was wohl Herbert Wehner, dessen 100. Geburtstages morgen zu gedenken ist, zu all diesem Gezerre in der Bundesregierung gesagt haben würde, vor allem zu dem Geätze aus der SPD selber? Er hätte jedenfalls auch in dieser zweiten großen Bundeskoalition ein viel größeres Maß an Selbstdisziplin an den Tag gelegt – wie übrigens auch die beiden anderen „Troikaner“ Helmut Schmidt und Willy Brandt.

Von 1966 bis 1969 war Wehner zwar „nur“ Minister im Kabinett Kiesinger, aber was immer er über den Kanzler im Innersten dachte: Er hätte niemals nur mal so dahergemault oder zur Befriedigung innerparteilichen Frustes den Fisch vom Kopf her stinken lassen, wie das SPD-Granden heute – sehr charmant, meine Herren! – über eine Dame sagen, nämlich Angela Merkel. Nicht einmal seine harschen Worte über den Kanzler Brandt sind, ausweislich der neuesten Biografie, so gefallen, wie sie sensationell zugespitzt überliefert wurden. Weshalb diese heute ganz aus der Mode geratene Selbstdisziplin?

Doch zunächst ein kleiner Rückblick auf eine der persönlichen Begegnungen mit dieser geradezu expressionistischen Figur der deutschen Politik: Haushaltswoche am 22. Januar 1981 – am nächsten Tag sollte Hans-Jochen Vogel im Noteinsatz zum Regierenden Bürgermeister von Berlin gewählt werden. Wehner hatte ausrichten lassen: Unter diesen Umständen leider keine Zeit für ein Gespräch. Zufällig sehe ich ihn aus dem Plenum in die Lobby treten und wage zu fragen, ob nicht doch… Da brüllte es so aus dem Manne heraus, dass alle Leute in der Lobby erstarrten: „Weil Sie’s sind…!“ Während ich mich ob meiner deplatzierten Frage irgendwie zu fassen versuchte, fuhr Wehner pianissimo fort: „Gehen wir jetzt in mein Zimmer“, steckte sich die Pfeife an und murmelte: „Verzeihung, ich habe mein Leben lang geraucht – außer im Plenum, im Bett und in der Haft.“

Aus wenigen Minuten wurden mehrere Stunden, unterbrochen durch eine namentliche Abstimmung – und den Abschiedsbesuch Konrad Porzners, seiner rechten Hand, den er für den neuen Berliner Senat hergeben musste. Als die beiden Männer einander, Tränen in den Augen, fast schluchzend, in die Arme fielen, schaffte ich es gerade noch, den Raum für ein paar Minuten zu verlassen. Hernach erklärte Wehner, weshalb ihm Berlin so wichtig sei wie sein „Augapfel“. Wenn (West-)Berlin, auch im Gefolge der Senatskrise, durchsacke, dann habe dies tief demoralisierende Wirkungen auf die hoffenden Menschen in der DDR und auf die ganze Deutschlandpolitik, ja die Nation. Zugleich bestätigte er, dass er genau deshalb zunächst Willy Brandt geradezu nötigen wollte, für Dietrich Stobbe in die Bresche zu springen, was Brandt verzweifelt abwehrte.

Solche und andere Gespräche mit Herbert Wehner – etwa, wenn er einem die über zwanzig Ordner mit Briefen zeigte, die er nach Ostberlin richtete, um Menschen zu helfen oder freizubekommen – waren im Grunde stets erschütternd und aufbauend zugleich (und von hoher erzieherischer Wirkung fürs ganze Leben), weil man spürte: Hier nimmt jemand Politik – ohne alle Spielchen und Mätzchen – verdammt, ja geradezu verzweifelt ernst, um der Sache, nein: um der Menschen willen.

Das heißt nicht etwa, dass Herbert Wehner kein gewiefter Taktiker gewesen wäre, ganz im Gegenteil! Aber seine ganze versammelte Taktik stand im Dienste einer einzigen strategischen Einsicht: Es geht den Menschen, gerade den einfachsten im Lande, besser, solange ihre Vertreter wenigstens mitregieren – aber, und das wurde Wehner das Entscheidende: Nicht nur der (eigenen) Klasse geht es dann besser, sondern der ganzen Nation. Genau deshalb hätte er niemals zugelassen, dass die Regierungschance der Sozialdemokraten, wie heute so oft, zerquatscht oder gar verspielt würde. Und deshalb seine schier unerbittliche – wenn schon nicht polemische –, so doch politische Selbstdisziplin. Quel homme – welch’ ein Mann!

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