Ungarn : Falscher Umgang mit dem Rotschlamm

Ob der Damm gebrochen ist, weil das Auffangbecken überfüllt oder veraltet war, muss noch untersucht werden. Fest steht allerdings schon jetzt, dass das in Ungarn angewandte Feuchtdeponie-Verfahren nicht dem Stand der Technik entspricht.

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Foto: J. Peyer

Die Regularien der EU sind immer wieder erstaunlich. Rotschlamm aus der Aluminiumproduktion, so steht es im Anhang der einschlägigen Richtlinie 91/689/EWG, ist kein „gefährlicher Abfall“. Folgerichtig erklärten die Manager der Katastrophenfirma MÁL, der aus ihrer Anlage im westungarischen Ajka ausgelaufene Rotschlamm sei „ungefährlich“. Nach dem Dammbruch eines Auffangbeckens am vergangenen Montag waren in den umliegenden Dörfern sieben Menschen ertrunken. Umweltorganisationen behaupten, die rote Brühe sei „hochgiftig“, und sprechen von der größten Umweltkatastrophe in der Geschichte Ungarns.

Tatsächlich ist der angebliche „Giftschlamm“ gar kein Gift im medizinischen Sinne. Erst recht übertrieben sind die Vergleiche mit dem Seveso-Toxin Dioxin, das zehntausendmal giftiger ist als Zyankali. Rotschlamm entsteht als Abfall des „Bayer-Verfahrens“, mit dem Aluminium aus seinem wichtigsten Erz, dem Bauxit, gewonnen wird. Durch Behandlung mit kochender Natronlauge wird Aluminiumoxid aus dem gemahlenen Bauxit herausgelöst und abgetrennt. Übrig bleibt ein schwer löslicher Bodensatz aus rostroten Eisenverbindungen, Titanoxiden und Silikaten. Nach Neutralisation der Lauge wird der Rotschlamm als Baumaterial oder Untergrund für die Wiederaufforstung verwendet oder in Erddeponien gelagert.

Je nach Abbaugebiet des Bauxits enthält der Rotschlamm auch Spuren von Arsen, Quecksilber und anderen Schwermetallen, die im natürlichen Gestein immer vorkommen. Die von Greenpeace gemessenen Werte von 110 Milligramm Arsen und 1,3 Milligramm Quecksilber pro Kilogramm Trockenmasse sind allerdings weit unterhalb der toxischen Grenze, zudem liegen die Elemente als schwerlösliche Verbindungen vor. Zum Vergleich: Der Sand auf Kinderspielplätzen darf bis zu 25 Milligramm Arsen pro Kilo enthalten – in Mönchengladbach wurde im Mai ein Spielplatz geschlossen, nachdem die Behörden 440 Milligramm pro Kilo gemessen hatten.

Das Einsammeln des über Dörfer, Straßen und Felder verteilten Rotschlamms ist zweifellos eine gigantische Aufgabe für die ungarischen Behörden. Wenn dies zügig geschieht, wird es jedoch weder zu einem Massensterben von Flora und Fauna noch zu einer dauerhaften Belastung des Trinkwassers kommen.

Kurzfristig gefährlich ist der Rotschlamm aus einem anderen Grund: Er enthält große Mengen Natronlauge, die zwar nicht giftig, aber ätzend ist. Auf der Haut kommt es zu schmerzhaften Rötungen, Fische können daran sterben. Weil die Lauge in der Umwelt schnell zersetzt und verdünnt wird, ist sie allerdings nach kurzer Zeit nicht mehr gefährlich.

Ob der Damm gebrochen ist, weil das Auffangbecken überfüllt oder veraltet war, muss noch untersucht werden. Fest steht allerdings schon jetzt, dass das in Ungarn angewandte Feuchtdeponie-Verfahren („wet discharge“) nicht dem Stand der Technik entspricht. Hierbei wird der Rotschlamm mit einem hohen Gehalt an Natronlauge einfach in ein metertiefes Becken gepumpt und gewartet, bis sich die festen Bestandteile absetzen. Der hohe Flüssigkeitsdruck kann das Grundwasser verseuchen und Dämme brechen lassen. Aus Sicherheitsgründen wird deshalb in modernen Trockendeponie-Anlagen („dry stacking“) der Schlamm neutralisiert, eingedickt und danach in dünnen Schichten getrocknet. Dammbrüche wie in Ungarn sind bei diesem Verfahren unmöglich, der Rotschlamm ist wegen der vorherigen Neutralisation der Lauge ungefährlich.

Schließlich stellt sich die Frage, warum in der Europäischen Union überhaupt noch Bauxit abgebaut wird. Im Vergleich zu Australien, China, Brasilien und den anderen großen Produzenten sind die in Ungarn geförderten Mengen verschwindend gering (0,27 Prozent der Weltproduktion). Weil der Tagebau die Landschaft zerstört und wegen des enormen Energiebedarfes stehen die großen Bauxitminen meist in dünn besiedelten Gebieten und in der Nähe von Wasserkraftwerken.

Es darf deshalb vermutet werden, dass es für die ungarische Bauxitförderung andere Standortvorteile gibt, etwa subventionierten Strom und finanzielle Förderungen aus Brüssel – die Regularien der EU sind eben immer wieder erstaunlich.

Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle. Foto: J. Peyer

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