Meinung : Unrecht bleibt Unrecht

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TRIALOG

Benes wird verkannt. So erklärt sich Antje Vollmer die Aufregung über dessen Dekrete. Benes sei zwar ein tschechischer Nationalist gewesen, aber in guter Gesellschaft: Churchill, Chamberlain, Wilson und Roosevelt hätten auch die Idee des ethnisch homogenen Nationalstaats vertreten. Weil wir gerade erlebt haben, „was aus solchen scheinbar vernünftigen Aufteilungen größerer Staatengebilde wie der früheren UdSSR und Jugoslawien werden kann", sollen wir uns nicht „moralisch allzu sehr über die Irrtümer des Präsidenten Benes" erheben, „die damals die Irrtümer aller Großen der Welt waren". Dass die USA, Frankreich und das Vereinigte Königreich damals ethnisch homogene Staaten waren, ist mir neu. Und wenn viele irren, ist der Irrtum verzeihlich? Dann können wir die Auseinandersetzung um die NS-Zeit und die DDR beenden.

Die Aufregung über die Benes-Dekrete hat gar nichts mit der Person Benes’ zu tun, der nach dem kommunistischen Staatsstreich 1948 respektabel zurücktrat und bald darauf starb. Sie wird auch nicht durch „uralte Ressentiments gegen die Tschechen" genährt, von denen ich nichts spüre. Das Problem liegt in der Gegenwart. Weil das tschechische Parlament Regressforderungen der Sudetendeutschen und vertriebener Ungarn fürchtet, verteidigt es die Benes-Dekrete, die über die Sudetendeutschen die Kollektivschuld verhängt und die Brutalitäten der Vertreibung gedeckt haben. Das war Antifaschismus in faschistischer Manier. Lidice erklärt manches, darf aber doch nicht mehr Aussig entschuldigen, wenn wir „in der Wahrheit leben" und die Spirale des Aufrechnens endlich abbrechen wollen. Unrecht muss jetzt Unrecht heißen dürfen. Wenn Deutschland, Ungarn und Österreich verbindlich erklären, dass jenes Unrecht nicht rückgängig gemacht werden kann, könnte der Mut zur Wahrheit im tschechischen Parlament mehrheitsfähig werden.

1990 hat uns Antje Vollmer vor der deutschen Einigung gewarnt, weil dann die Sowjetunion zerfallen könnte. Das war Fernstenliebe auf Kosten der Nächsten. Wenn die Sowjetunion deshalb zerfällt, hatte sie einen Geburtsfehler.

Antje Vollmer übergeht unter den Großen der Nachkriegszeit einen n: Stalin. Lenin hatte erklärt, das Zarenreich sei ein Völkergefängnis und das Selbstbestimmungsrecht dieser Völker proklamiert. Stalin hat sie wieder unterworfen und aus Sowjetrussland brutal die Sowjetunion gezimmert, keine Union, sondern ein Gefängnis der schlimmsten Sorte. Den Zweiten Weltkrieg hat er zur Expansion seines Imperiums benutzt, nachdem er sich zuvor von Hitler das Baltikum und ein Stück von Polen hatte zuschanzen lassen. Das haben diese Völker nicht vergessen. Stalin ist verantwortlich für die brutale Form der „Umsiedlungen".

Für Antje Vollmer scheint der Bestand eines Staates ein Selbstzweck zu sein. In Wahrheit ist es ein Sieg der Freiheit, wenn ein Staat zerfällt, der nicht auf der Zustimmung der Bürger beruhte. Die Katastrophe von Jugoslawien ist nicht die Tatsache des Zerfalls, sondern das Wie. Die schiedlich-friedliche Trennung unterblieb. Und Serbien geriet in die Hände eines stalinistischen Nationalisten. Ganz anders die Tschechen und Slowaken. Sie haben sich einvernehmlich getrennt – und damit bewiesen, dass die Tschechoslowakei kein homogener Nationalstaat war. Hoffen wir, dass Tschechen und Slowaken einmal in der EU zusammenfinden – in freier Selbstbestimmung.

Richard Schröder ist Professor für Theologie an der Humboldt-Universität und Sozialdemokrat. Er schreibt diese Kolumne im Wechsel mit Wolfgang Schäuble und Antje Vollmer.

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