Meinung : Uran-Munition: Wie viele Wunden schlägt ein Krieg?

Stell dir vor, es ist Krieg und keiner stirbt. Eine absurde Vorstellung? Genau deshalb muss, als Präambel gewissermaßen, vor allen Erörterungen von Kriegsfolgen festgehalten werden: Den aseptischen, den sauberen Konflikt gibt es nicht. Und nur virtuell, nur im Computer oder im Fernsehen marschieren hochtechnisierte Robo-Trooper, deren Brust bloß von Ketchup rot wird. Wer je den Sekunden-Feuerschlag der modernen Raketenartillerie sah und dann im Zielgebiet den durchschlagenen Stahl, der hat in dieser Hinsicht für die nächsten Jahre keine Illusionen.

Halten wir im aktuellen, Aufsehen erregenden Fall zunächst fest: Im vergangenen Frühjahr schon hat Nato-Generalsekretär George Robertson bestätigt, dass amerikanische Kampfflugzeuge während des Kosovo-Kriegs rund 31 000 Geschosse mit abgereichertem Uran gegen gepanzerte Ziele abgefeuert haben. Zum ersten Mal eingesetzt wurde solche Munition vor Jahren im Golfkrieg, auf der Straße von Basra nach Bagdad, als die US-Luftwaffe damit Hunderte irakische Panzer zerstörte. Das trug zum vergleichsweise raschen Ende des Krieges bei. Also: eine effektive Munition - oder?

Abgereichertes Uran birgt Radioaktivität und chemische Vergiftung als Gefahren. Man kann es einatmen, essen, durch Wunden aufnehmen. Die Radioaktivität kann Leukämie und anderen Krebs verursachen. Eine Schwermetallvergiftung durch Uran wird, sagen Experten, in erster Linie die Nieren schädigen.

Nun sind bisher gut hundert Bundeswehr-Soldaten untersucht worden, bei denen ein Aufenthalt in Regionen nicht ausgeschlossen ist, in denen uranhaltige amerikanische Munition verschossen wurde. Noch gibt es keine Hinweise darauf, dass sie Uranstaub eingeatmet haben. Noch gibt es auch keine Anhaltspunkte, dass Leukämiefälle auf Kontakt mit abgereichertem Uran zurückzuführen sind. Also: noch immer eine effektive Munition - oder?

Andererseits sind die Auswirkungen dieser Munition auf die Gesundheit von Soldaten bisher kaum erforscht worden. Die Wissenschaft kennt auch den Grenzwert für eine giftige Dosis nicht. Die Forschung steht ganz am Anfang, auch weil radiaoaktiver Staub monatelang in der Luft vorkommen und Hunderte Kilometer weit fliegen kann. Sagen Experten. In Italien ist nicht geklärt, woher die Zunahme der Leukämiefälle kommt, in der Nato ist nicht geklärt, ob Soldaten in strahlenbelastete Gebiete geschickt wurden. Und in den USA erwartet das Verteidigungsministerium eine Millionenklage von Golfskriegsveteranen - auch wegen der Uran-Munition.

Aus dem Konflikt am Golf kann man lernen, nicht nur militärisch. Lernen, dass es besser ist, danach die Sorgen der Betroffenen ernst zu nehmen und frühzeitig zu handeln. Dass nur Information Angst nimmt. Sonst stehen Regierungen wie Heimlichtuer da. Wenn Erkrankungen von Soldaten rästelhaft sind, gebietet die Fürsorgepflicht des Staates, alles zu tun, was das Rätsel auflösen hilft. Wenn auch bisher keine Zusammenhänge zwischen Uran-Munition und Leukämie zu erkennen sein mögen - so muss es doch Reihenuntersuchungen bei allen im Kosovo eingesetzten Bundeswehrangehörigen geben. Um ihnen die Zweifel zu nehmen. Und uns.

In Deutschland sollten es von der Armee unabhängige Mediziner sein. Und, siehe Golfkrieg, mit einer einzigen Untersuchung wird es nicht getan sein. Wegen der langen Latenzzeit solcher Krankheitsbilder müssen die Soldaten über viele Jahre nachuntersucht werden. Der Verteidigungsminister ist außerdem in der Pflicht, bei der Nato alle Informationen zu beschaffen. Er muss dem Parlament, besser: der ganzen Öffentlichkeit nachweisen, dass weder auf deutscher Seite Versäumnisse vorliegen, noch in der Allianz sorglos oder gar zynisch gehandelt wurde. Denn der Krieg war nicht virtuell. Nur die Zahl der Opfer steht noch nicht fest.

Den sauberen Konflikt gibt es nicht. Es gibt atomare, biologische und chemische Waffen, deren Folgen manchmal erst Jahre später zu sehen sind, nach dem Ersten Weltkrieg, dem Zweiten, dem Korea- und Vietnamkrieg, dem Golfkrieg. Aber es gibt die Möglichkeit, Waffen zu ächten. Damit nicht nur weniger Blut fließt. Sondern auch kein Blutkrebs verursacht wird.

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