Meinung : Ursachen des Terrors: Amerika als Ausrede

Christoph von Marschall

Ariel Scharon und Jassir Arafat können sich unter dem Eindruck der Anschläge in den USA überwinden aus ihrer Logik von Gewalt und Gegengewalt auszubrechen. Werden auch wir unser Denken über den Nahostkonflikt und seine Verbindung zum internationalen Terrorismus hinterfragen?

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA Oft ist in diesen Tagen zu hören, man müsse sich jetzt mit den tieferen Ursachen des Terrors beschäftigen: der ungerechten Verteilung des Wohlstandes, den fehlenden Perspektiven für arabische Jugendliche, was sie zu Selbstmordattentätern werden lässt, der ökonomischen, militärischen, machtpolitischen Dominanz des Westens. Polemisch überspitzt: Man müsse nur die Ungerechtigkeiten beseitigen - unter besonderer Berücksichtigung der von den USA verschuldeten -, dann werde dem Terrorismus der Boden entzogen. Vor der Aussage, irgendwie sei Amerika selbst ein bisschen Schuld, dass die Symbole seiner Hybris zerstört wurden, schreckt man noch zurück. Aber man wird doch wohl fragen dürfen, ob Präsident Bush, als er die Vermittlerrolle seines Vorgängers Bill Clinton im Nahen Osten ablehnte, mit den Boden bereitet hat für den Anschlag.

Man braucht sich nur die Vorbereitungszeit für diesen Angriff auf Amerika vor Augen zu führen, etwa die Dauer der Pilotenausbildung, um zu verstehen: Er kann nicht erst als Reaktion auf das Scheitern der Gespräche in Camp David im vergangenen Sommer und den Ausbruch der Al-Aqsa-Intifada geplant worden sein. Und die Theorie, Erfolg oder Misserfolg des Friedensprozesses im Nahen Osten beeinflusse den Terrorismus, bricht vollends zusammen beim Blick auf das Datum des ersten Anschlags auf das World Trade Center: Damals, 1993, wurde die Verständigung in Oslo vorbereitet. Zudem gibt es terroristische Gruppen, die gerade dann zuschlagen, wenn sich Fortschritte abzeichnen. Sie wollen den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern verhindern. Dieser Logik folgen jetzt Hamas und Jihad, wenn sie sich Arafats Aufruf zur Waffenruhe ausdrücklich verweigern.

Spannungen oder Verständigung sind nicht die Ursachen des Terrors, sondern sie sind wichtig für die öffentliche Wahrnehmung der Anschläge. In Zeiten der Verbitterung stoßen sie auf mehr Sympathie, in Zeiten der Annäherung eher auf Unverständnis.

Ähnlich zweifelhaft ist die verbreitete These, der israelisch-palästinensische Konflikt sei eine Hauptursache für die ökonomische Rückständigkeit der arabischen Welt und ihre Defizite bei Demokratie und Menschenrechten. Aus der Ferne ist das vor allem eine Projektion - und für die Regime selbst ein bequemer Vorwand. Die islamischen Staaten vom westlichen Nordafrika bis nach Zentralasien leiden nicht in erster Linie unter Amerika oder Israel, sondern unter ihren eigenen Eliten, unter Rechtsunsicherheit, Korruption, Nepotismus und der fehlenden politischen Partizipation ihrer Bürger. Der Nahostkonflikt dient den Herrschern als politischer Blitzableiter für die aufgestauten Frustrationen. Das ist ein gefährliches Spiel. In vielen Ländern wächst die politische Kluft zwischen Regierung und Bevölkerung; einige sind heute ernsthaft vom Fundamentalismus bedroht.

Wahr ist, dass der Westen nicht viel getan hat, um diese autoritären Staaten zu Demokratien zu machen. Die Frage ist, ob das überhaupt in seiner Macht liegt. Er hat sich damit begnügt, die Systeme zu stützen, die sich einigermaßen kooperativ verhalten und für relative Stabilität sorgen.

In diesem Licht muss eine weitere Überzeugung hinterfragt werden: Der Anschlag auf New York ist bisher fast ausschließlich als Angriff auf die westliche Zivilisation, auf ihr politisches und ökonomisches System, auf ihre Kultur gedeutet worden. Was aber wäre, wenn das Hauptziel ein anderes ist - nämlich den fundamentalistischen Umsturz in möglichst vielen Ländern des islamischen Krisenbogens einzuleiten - und der 11. September nur Mittel zum Zweck war?

Die USA schmieden eine breite Koalition gegen den Terrorismus. Sie binden gezielt auch islamische Staaten ein. Sobald die Militäraktion anläuft, sobald die ersten muslimischen Opfer zu beklagen sind, wird der innenpolitische Druck auf all die Regime, die jetzt noch der fundamentalistischen Gefahr standhalten, enorm zunehmen.

Der Westen muss eine Langfriststrategie entwickeln und mehr Druck auf die verbündeten Regime ausüben, sich zu öffnen für politische Teilhabe - auch wenn das für die anstehende Auseinandersetzung und die mit ihr verbundenen Gefahren zu spät kommt.

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