Meinung : US-Wahl: Lewinskys langer Schatten

Christoph von Marschall

Ein bisschen schwanger - das gibt es doch. In Florida beugen sich unzählige Helfer über die Stimmzettel: Hat die Stanzmaschine, mit der die Bürger ihre Präferenz markieren, das Papier durchstoßen, dann ist der Zettel "schwanger". Ist er aber nur angestanzt, was dann? Mit der Hand lässt sich der mutmaßliche Wille des Wählers ertasten, die Zählmaschinen konnten mit "ein bisschen schwanger" wenig anfangen.

Amerika könnte sich glücklich schätzen, wenn es die einzige Ursache für die Differenzen zwischen maschineller Erst- und manueller Nachzählung wäre. Und dann wären die teils hämischen, teils blind apologetischen Kommentare hier zu Lande nicht mehr als ein Beleg, dass die Deutschen sich immer noch nicht vom amerikanischen Über-Vater bei der Gründung ihrer Demokratie befreit haben. Linke stempeln die USA zur "Bananenrepublik". Konservative wollen überhaupt kein Problem erkennen.

Das Wort Krise ist übertrieben - noch. Ein Großteil des Alarmgeschreis kommt daher, dass alle Welt glaubte, wenige Stunden nach Schließung der Wahllokale am 7. November den Namen des nächsten Präsidenten zu kennen. Das Erwartete blieb aus - also muss etwas faul sein. Muss es aber nicht. Die US-Wirtschaft boomt. An der verbleibenden Amtsführung von Präsident Clinton bis zum 20. Januar ändert sich nichts. Er absolviert eine historische Reise nach Vietnam, kämpft verbissen um einen politischen Durchbruch in Nahost. Und käme es morgen zu einem Attentat auf ein Kriegsschiff oder eine US-Botschaft, würde Amerika unweigerlich zurückschlagen. Wo also sind "Krisen"-Symptome?

Doch neben der anfechtbaren Wahlmethode in Florida samt der missverständlichen Gestaltung des Stimmzettels - einige Wähler stanzten ungewollt Buchanan statt Gore - sind weit peinlichere Unregelmäßigkeiten ans Licht gekommen: vergessene Wahlurnen, Schlampereien, willfährige Wahlleiter. Das ist eine Blamage, die den Nimbus, Mutterland der Demokratie zu sein, in Frage stellt. Die Wahlstäbe schrecken nicht einmal mehr vor Manipulationsvorwürfen und wüsten Beschimpfungen zurück, das Klima ist vergiftet.

Mit der Auszählung der Briefwahl-Stimmen an diesem Wochenende ist wahrscheinlich die letzte Gelegenheit verstrichen, zu einem gütlichen Resultat zu kommen: Hätte Gore auf diese Weise Bushs 300-Stimmen-Vorsprung wettgemacht, wäre den Republikanern keine andere Wahl geblieben, als seinen Sieg anzuerkennen. Sie selbst hatten ja die Parole ausgegeben: alle Nachzählungen bis vergangenen Mittwoch plus Briefwahl. Doch die Hoffnungen der Demokraten auf Briefwähler aus Israel - dank des jüdischen Vize-Kandidaten Lieberman - trog, Bushs Vorsprung wuchs noch. Nun werden wohl unausweichlich die Gerichte bemüht, nicht nur in Florida, sondern auch Bundesgerichte.

In dieser Zuspitzung liegt eine Gefahr. Die USA können doch noch in eine ernste Krise geraten, die die Handlungsfähigkeit des künftigen Präsidenten einschränkt. Sie haben zwar eine unnachahmliche Art, nach schwerem Streit den nationalen Konsens wiederherzustellen. Aber diesmal sind zwei Dinge anders. Erstens ist die Verbitterung zwischen den politischen Lagern viel größer, als Europa es wahrnimmt. Eine Spätfolge auch der Lewinsky-Affäre, die zwar nicht die Bevölkerung gespalten hat, wohl aber die politischen Eliten. Insbesondere Bushs Team handelt mit dem missionarischen Eifer, man dürfe die Nation nicht weiter dieser Generation von Demokraten anvertrauen.

Zweitens greift der Verweis auf ähnliche Zuspitzungen in früheren Jahren nicht, etwa auf den äußerst knappen Sieg John F. Kennedys über Richard Nixon 1960, den er Manipulationen verdankte. Unter anderem wählte eine ausschlaggebende Zahl von Verstorbenen mit. Dennoch wurde Kennedy zu einem herausragenden Präsidenten - und niemand zweifelt seine Legitimität an.

Bush und Gore fehlt das Charisma, das sie bräuchten, um die Nation nach dem Zwist zu einen. Und eine Herausforderung, mit deren Bestehen sie die Größe gewinnen könnten, die ihnen heute fehlt - was dann auch die Frage nach ihrer Legitimation zweifelsfrei beantworten würde. Amerika geht es zu gut, das ist sein Schaden.

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