Meinung : Verdi: Wagnis Verdi

Alfons Frese

Eine Ruck-Rede hat gefehlt. Doch ÖTV-Chef Herbert Mai ist kein mitreißender Rhetoriker. Auch deshalb haben sich die Teilnehmer des Gewerkschaftstages der ÖTV so gequält mit der eigenen Zukunft, mit der Frage, ob sie die vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Verdi wollen und damit das Ende der ÖTV beschließen sollen. Magere 65 Prozent bekam May am Ende - zum Fusionieren zu wenig, zum Alleinbleiben zuviel.

Die Angst vor Verdi ist nirgendwo größer als in der ÖTV. Verzagtheit prägt die zweitgrößte deutsche Gewerkschaft. Die Angst vor dem Scheitern der Fusion ist das eine, die Verunsicherung über den künftigen Stellenwert der Gewerkschaften insgesamt das andere. Stellenabbau und Privatisierungen prägen den öffentlichen Dienst, in den Wachstumsbranchen Information und Kommunikation bekommen sie kein Bein auf den Boden; Angestellte, Führungskräfte und Junge haben mit den Arbeitnehmerorganisationen und ihren kollektiven Angeboten mit Umverteilung und Solidarität nichts am Hut.

Vor diesem düsteren Hintergrund wurde das Projekt Verdi geboren. Mehr oder weniger aus der Hilflosigkeit heraus und mit ähnlichen Motiven, die auch Unternehmen zu Fusionen bewegen: Ressourcen bündeln und Schlagkraft erhöhen, die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen, etwa der IG-Metall, verbessern. Denn allein die Größe verspricht Erfolg. Die Verdi-Befürworter sehen in der neuen Riesenorganisation eine Chance für mehr Service und Beratung. Realistischer ist dagegen, dass die lähmende Selbstbeschäftigung andauert, dass die Zusammenführung der fünf Gewerkschaften noch auf Jahre die Kräfte absaugt.

Verdi ist komplexer und differenzierter als alles, was es bisher in der Gewerkschaftswelt gibt. Ein Briefträger tickt anders als ein Programmierer, ein Studienrat anders als ein Schauspieler. Bei Verdi gehe es "um die Zukunft der gesamten Gewerkschaftsbewegung", meint ÖTV-Chef Mai. Das ist zwar hoch gegriffen. Aber Verdi gibt den Gewerkschaften die Chance, sich neu aufzustellen, überkommene Strukturen und Verhaltensmuster aufzubrechen und damit endlich Anschluss zu finden an den rasanten Wandel in der Arbeitswelt. Verdi wagen und den Kleinmut überwinden - wenn die Gewerkschaften eine relevante gesellschaftliche Kraft bleiben und neue Mitglieder rekrutieren wollen, haben sie keine Alternative.

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