Meinung : Verteidigung des Lehrers

Wie Schule wieder Spaß machen könnte – auch den Pädagogen

Gerd Nowakowski

Das Schuljahr fängt nicht gut an für Berlins Lehrer: Selbst die Klassenbücher fehlen vielerorts. Außerdem endeten die Sommerferien für die Lehrer bereits am vergangenen Freitag – mit einem verordneten Sondereinsatz am Arbeitsplatz, um das neue Schuljahr vorzubereiten. Für die 32 000 Berliner Pädagogen kommt es ganz hart: Sie müssen teilweise bis zu vier Stunden mehr Unterricht pro Woche geben, das Urlaubsgeld wurde gestrichen und das Weihnachtsgeld gekürzt. Entsprechend frustriert und wütend werden viele Pädagogen am heutigen Montag vor ihrer Klasse stehen.

Dabei gäbe es gute Nachrichten für die Bildung. In Berlin starten so viele Reformprojekte wie kaum jemals zuvor. Die Schule kommt in Bewegung: mit mehr Ganztagsschulen, zusätzlicher Ausländerförderung, verbindlichen Qualitätskontrollen durch Vergleichsarbeiten. Auch das Abitur nach zwölf Jahren wird noch in diesem Jahr beschlossen. Leicht übersehen wird: Es sind die Lehrer, die aus Reformen Schulalltag machen müssen.

Die aber haben das Gefühl, sie müssen Sonderopfer bringen und stehen dazu noch am Pranger. Letzteres haben sie freilich teilweise ihrer eigenen Gewerkschaft zu verdanken. Die GEW hat sich bei den Berliner Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst denkbar ungeschickt aufgeführt. Wenn Gewerkschaftsfunktionäre pädagogische Verschlechterungen wie weniger Unterricht vorschlagen oder das Sitzenbleiben abschaffen wollen, um Besitzstände zu retten, dann leidet der Ruf aller Lehrer.

Tatsächlich aber werden sie immer wichtiger, das zeigt auch Pisa. Nur erleben das die Lehrkräfte anders: nicht als Bereicherung, sondern als Last. Sie müssen täglich darum kämpfen, dass sie am Schulstress nicht verzweifeln. Erzieher, Krisenmanager, Psychologe, Vertrauensperson, Motivator, Elternersatz und immer Wissensvermittler – sie sind in vielen Rollen gefordert. Die Probleme an den 814 öffentlichen Schulen werden immer größer. Lehrkräfte sind mit zunehmender Gewalt und mit Drogengebrauch konfrontiert, sie erleben verwahrloste und lernunwillige Kinder und überforderte Eltern, die den Erziehungsauftrag stillschweigend an die Pädagogen abgegeben haben. Das sollen Lehrer alles aushalten, ohne innerlich zu kapitulieren und sich überfordert zu fühlen?

Dabei bräuchten sie alle Kraft, um gut gelaunt einen Unterricht zu gestalten, der Kinder begeistert. Stattdessen müssen sie Fehlentwicklungen und Versäumnisse der Gesellschaft wieder ausbügeln – allein gelassen mit ihrer Klasse. In den Berliner Problembezirken hat fast jedes zweite Grundschulkind massive Probleme mit der deutschen Sprache – und darunter sind nicht nur die ausländischen Kinder. Nahezu jedes vierte Kind ist nichtdeutscher Herkunft.

Die Karrieren von jugendlichen Serientätern in Berlin zeigen, dass die Erziehungsinstanzen in vielen ausländischen Familien nicht mehr funktionieren und Sanktionsmechanismen fehlen, um diesen Jugendlichen frühzeitig eindeutige Warnsignale zu geben. Ein naives Verständnis von Multikulturalität kam hinzu: So wurde die hohe Zahl von nichtdeutschen Schülern, die ohne Abschluss die Schule verlassen, lange Jahre nicht einmal erfasst – aus Sorge, dies könnte als Ausländerfeindlichkeit ausgelegt werden.

Die bildungsinteressierten Eltern haben in Berlin längst die Konsequenzen gezogen: Sie meiden die Problemschulen mit hohem Ausländeranteil. Die Lehrer aber müssen bleiben. Kein Wunder, dass sich viele ausgebrannt fühlen. Kaum eine Lehrkraft erreicht in Berlin das normale Pensionsalter. Doch wenn die Sommerferien zu Ende sind, dann müssen sie sich Sticheleien wegen ihres langen Urlaubs gefallen lassen.

Die Erzieher der Nation sind deshalb zurecht frustriert. Es ist den Lehrern zwar zumutbar, wie alle Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes Opfer zur Sanierung des Berliner Landeshaushalts zu bringen. Aber sie müssen das Gefühl haben, ernst genommen und gleich behandelt zu werden. Eine Zurücknahme der zusätzlichen Lehrverpflichtung, die Berliner Lehrer auf das Niveau anderer Bundesländer bringt, kann es wegen der Notlage des Landes vorerst nicht geben. Wohl aber Umverteilungen innerhalb der Lehrerschaft, damit Ältere weniger Stunden geben müssen. Und ab nächstem Jahr müssen wieder junge Kollegen eingestellt werden, damit die Lehrerschaft nicht vergreist.

Dieser Spielraum ist vorhanden. Lässt der Senat die Lehrer jetzt vor der Tür stehen, dann sind auch die Reformen gefährdet. Schule aber kann nur erfolgreich sein, wenn lernen Spaß macht – auch den Lehrern.

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