Meinung : Vom Zucken des Nasenflügels

Roger Boyes, The Times

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Ich fühlte mich schon immer hingezogen zu Leuten mit einer guten Nase. Vielleicht haben die Jahre in der kommunistischen Welt meinen Geruchssinn betäubt: all die scharfen sowjetischen Reinigungsmittel in den Hotelfluren. Oder vielleicht war es meine Zeit im Internat – das Gehirn war darauf trainiert, den Körpergeruch der anderen Jungs auszublenden. Jetzt, da der Rest meines Körpers verfällt und der Schmerz in meinen Knochen mich nachts wach hält, stelle ich fest, dass sich mein Geruchssinn erholt. Ein Weinexperte wird aus mir natürlich nicht mehr, nie werde ich die DNA einer Traube mit einem einzigen staubsaugerartigen Schnauben bestimmen können. Aber ich fange plötzlich an, Berlin riechen zu können.

Gerüche sind natürlich verschlüsselte Erinnerungen: das Parfum einer Frau, die Rückkehr eines verlorenen Moments. Wie heißt es bei Lessing? „Gestern liebt’ ich/ heute leid’ ich/ morgen sterb’ ich:/ Dennoch denk’ ich/ heute und morgen/ gern an gestern.“ Gerüche bringen das Gestern zurück, erinnerte Küsse. Nicht alle Assoziationen sind romantisch: Wedding, nach einem Regenguss, stinkt wie immer nach Hundekot. Selbst wenn jeder Hund dort eingesammelt und von einer ukrainischen Todesschwadron erschossen würde – der Geruch von erfolgreicher Hundeverdauung bliebe. Oder der Winterfeldplatz an einem Samstag nach drei: Fischgestank, sobald das Eis, das dem Zander und Kabeljau als Bett diente, weggeworfen wird. Gerüche sind trügerisch: Der köstliche Duft von Currywurst an der Bude in der Bundesalle bedeutet vermutlich eher, dass das Fett nicht ganz frisch ist.

Gerüche transportieren mehr als persönliche Erinnerung, sie dienen als Zugang zur Vergangenheit, als Tür der Sinne zu vergangenen Welten. Teile von Neukölln riechen noch immer nach Hefe, blind findet man den Weg durch die Werbellinstraße. Was passiert, wenn Kindl dichtmacht? Nichts mehr wird dann an die große Brau- ereistadt Berlin erinnern; nichts, abgesehen von einem Zucken des Nasenflügels. Der überwältigende Eindruck von Sarotti-Schokolade, der einst durch Tempelhof waberte? Verschwunden.

In Städten, die mehr oder weniger normal gewachsen sind, wie London oder Paris, kommt man an eine Grenze, wo die urbane Wüste in verlassene Parzellen übergeht. Wer vom Flughafen Stansted nach London fährt, bewegt sich zwischen großen Leeren, erst die trostlosen Felder, dann die trostlosen Vorstädte. Berlin war anders. Es gab nie so eine unattraktive Vermengung von Stadt und Land. Die Fabriken im Westen wurden neben die Mauer gestellt: kapitalistische Verschmutzung als giftiges Geschenk an die DDR.

Heute markieren Gerüche die Landschaft, nicht mehr die Mauer. In der Neuköllnischen Allee steht eine Marlborofabrik und etwas weiter Jacobs („mit dem Verwöhnaroma“). Wenn der Wind richtig steht, kann man ganze Nachmittage in einer Kaffee-Zigaretten- Wolke verbringen – als ob man in einem Film von Jim Jarmusch eingesperrt wäre.

Ich bin froh, dass Berlin, an seinem Rand zumindest, eine Fabrikstadt geblieben ist. Es war immer nur bürgerliche Eitelkeit, Berlin dynamisch, sexy machen zu wollen, ohne das Industrieproletariat. Berlin braucht Fabriksirenen. Vor allem braucht es die Gerüche, süß und sauer. Leider hat der Senat nie eine Industriestrategie entwickelt. Mein Vorschlag: Wenn der Flughafen Tempelhof geschlossen werden sollte (hoffentlich nicht), muss man ihn in die weltgrößte Schokoladenfabrik umwandeln – egal, wie viele Subventionen dafür notwendig sind. Ein Geruch von Kakao, der sich durch die Stadt zieht, würde die Moral der Berliner heben und sie aus ihrer schleichenden Melancholie befreien.

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