Meinung : Von der Gesinnung zur Tat

Der Mörder von Marwa el-Sherbini ist verurteilt – sein Weltbild aber teilen viele, auch in Deutschland

Andrea Dernbach

Ein Verbrechen ist ein Verbrechen ist ein Verbrechen. Die Vorsitzende der Dresdner Schwurgerichtskammer, die am Mittwoch ihr Urteil über den Mann gefunden hat, der vor vier Monaten Marwa el-Sherbini erstochen hat, sagte es gleich zu Beginn des Prozesses: Dies sei kein politisches Verfahren und sie bitte alle Beteiligten, dies zu beachten. Dass es um einen Fall ging, der in Deutschland, mehr aber noch im Ausland, vor allem in der arabischen Welt, Aufsehen erregt hat, sollte und durfte für das Urteil keine Rolle spielen. An elf Verhandlungstagen ließ sich besichtigen, wie gut das war und welch zivilisatorischen Fortschritt es bedeutet, selbst angesichts einer Tat, die fassungslos macht, die Rechte des Täters als Angeklagten penibel zu beachten und sich auch dem Urteil über einen grausamen Tod in den Schritten zu nähern, die die kühlen Paragrafen der Strafprozessordnung vorschreiben.

Natürlich hatte dieser Prozess aber auch eine politische Dimension, eine, die im Unterschied zur außenpolitischen erstaunlich wenig behandelt wurde. Man kann kaum anders als stutzen, wenn man die Äußerungen des 28-jährigen Russlanddeutschen Alex W. hörte, der sich zwar an elf Verhandlungstagen nur zu drei Worten bewegen ließ, der sich aber vor dem Prozess sehr ausführlich, zum Teil schriftlich, erklärt hatte und dem mehrere Zeugen Intelligenz, Eloquenz und überdurchschnittliche Schulleistungen bescheinigten. Ob es um die Charakterisierung des Islam als „gefährliche und verrückte Religion“ ging, ob er sich über Muslime verbreitete, die sich „nicht anpassen“, sondern die Gesellschaft unterwandern wollten, ob er Toleranz als riskant brandmarkte oder das Kopftuch, das Marwa el-Sherbini trug, als Symbol der Unterdrückung, als Beleidigung seiner, der „deutschen“ Kultur, als Anblick, den er nicht ertragen müsse: Die wesentlichen Scharniere des ideologischen Gerüsts von Alex W. sind selbst in vielen bildungsbürgerlichen Köpfen verschraubt, und mit den Kopftuchgesetzen der Länder sind Versatzstücke solchen Denkens sogar rechtsverbindlich geworden. Dass Gesinnung und Tat hier nicht zu trennen waren, hatte vor Tagen vor allem das Plädoyer von Heiko Lesch nachgezeichnet, dem Bonner Rechtsanwalt, der den Witwer als Nebenkläger vertrat. Auch die Kammer erkannte den immer wieder geäußerten Ausländerhass von Alex W. als wesentliches Tatmotiv.

Kein Gedanke führt zwangsläufig zur Tat, kein Kopftuchverbot in deutschen Schulen zum „Kopftuchmord“. Die Schnittstellen zwischen Alex W.s krudem Weltbild und dem, was in Deutschland inzwischen sehr vielen als gesichertes Wissen gilt, hätten allerdings erschrecken lassen und besser noch eine Diskussion anstoßen müssen. Das ist, soweit erkennbar, nicht geschehen. Es scheint im 21. Jahr der deutschen Einheit schwerzufallen, auf ein Feindbild zu verzichten, das so gut von rechts bis links ein einig Volk von Brüdern und Schwestern schafft: den Islam, den man weiter rechts als kulturell fremd und weiter links als Feind von Frauen, Schwulen und individueller Freiheit verdammen kann. Ein seltsamer gemischter Chor, in dem die Verteidiger des christlichen Abendlandes denselben Refrain singen wie die, die in einer säkularen Umwelt aufwuchsen oder für sie gekämpft haben und Religion nur für einen Restbestand des Mittelalters und Gläubige für mindestens seltsam, wenn nicht gar gefährlich halten.

Die Chance scheint vertan, das Fenster geschlossen. Bleibt anzumerken, dass nicht die es aufgestoßen haben, von denen man das hätte erwarten dürfen, Deutschlands Leitmedien und seine politische Klasse, sondern die Bilder der Empörung auf den Straßen Ägyptens und anderer arabischer Länder. Diese Empörung war gelegentlich ungerecht und wurde auch durch Falschinformationen befeuert. Aber ohne sie wäre Marwa el-Sherbini, das erste deutsche Todesopfer der Kopftuchhysterie, wohl eine Nummer im Bodycount der Hasskriminalität geblieben wie so viele Tote vor ihr. Und es war wie so oft der Zentralrat der Juden, der zuerst und lange allein die rechten Worte für dieses Verbrechen fand. Ein Glück, dass er das immer wieder tut. Aber warum sind so viele Stützen der Gesellschaft so unempfindlich gegen Rassismus?

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