Meinung : Von Stalin zu bin Laden

Vor 50 Jahren begann das Ende des Sowjetkommunismus, doch Ideologien kehren wieder

Bernhard Schulz

An Stalin erinnern im heutigen Russland nicht nur Politiker, die sich die Machtfülle eines totalitären Staatswesens ersehnen. Von Stalin sprechen auch viele Bürger, die im Wildwest-Kapitalismus der Gegenwart nicht heimisch werden und einer Ordnung nachtrauern, die sie zu allermeist nicht mehr am eigenen Leibe haben erfahren müssen, aber stärker denn je verklärt finden.

Wie uns in diesen Tagen und Wochen furchtbar vor Augen geführt wird, ist das Zeitalter der Ideologien mitnichten vorüber. Ideologien, wie krude auch immer, befeuern den Kampf der Kulturen, der doch allen Thesen von der Globalisierung unserer Welt Hohn zu sprechen scheint. Doch es gibt einen bedeutenden Wandel. Die Ideologien des 20. Jahrhunderts waren an ihre Verkünder und Vollender gebunden, sie waren all ihrem Weltgeltungsanspruch zum Trotz personenbezogen und funktionierten nur mit der – freilich unbegrenzten – Autorität ihrer Protagonisten. Darin liegt der Unterschied zu den Ideologien, mit denen wir uns zu Beginn des 21. Jahrhunderts beschäftigen müssen, voran der islamische Fundamentalismus. Ob Osama bin Laden lebt, welche kryptischen Botschaften er aussendet, spielt für den Fortgang des Terrors kaum eine Rolle. In der globalisierten Welt zimmert sich jede Terrorgruppe ihre eigene Ideologie zurecht. Doch als Chruschtschow Stalin anklagte, war der Stalinismus im Grunde erledigt, auch wenn es 34 weiterer Jahre bedurfte, dessen Herrschaftssystem aufzulösen.

Heute vor 50 Jahren begann der Anfang vom Ende des Stalinismus. Am 25. Februar schloss der XX. Parteitag der KPdSU mit einem Paukenschlag – einer Rede des Nachfolgers des drei Jahre zuvor verstorbenen Diktators, Nikita Chruschtschow. Nie war daran gedacht worden, diese Rede öffentlich zu machen; sie ist darum als „Geheimrede“ in die Geschichte eingegangen. In Russland wurde sie erst zur Perestroika gedruckt.

Chruschtschow hielt in seiner Rede Stalin alles an Verbrechen vor, was die politische Linke bis heute kaum wahrhaben will: den Personenkult, die Entrechtung der Bürger, die Massendeportationen ganzer Völkerschaften. Unter dem Brandmal des „Volksfeindes“ wurden Millionen von Sowjetbürgern in den Gulag verschleppt oder umstandslos erschossen. Das Vergehen Stalins aber war es in den Augen Chruschtschows, jedwede ideologische Rechtfertigung preisgegeben zu haben. Im Grunde hatte bereits Stalin den ideologischen Überbau, den doch ein Millionenheer von Funktionären immer höher türmte, unterminiert.

Mit Chruschtschows Geheimrede fiel die Ideologie, zu deren einzigem Bezugspunkt Stalin sich selbst gemacht hatte, in sich zusammen. Ein Aufatmen nach jahrelanger Angst ging durch das Land – mit der Folge, dass der Kommunismus zur bloßen Fassade verkam, hinter der sich ein jeder sein spärliches Privatglück einzurichten suchte. Nach Stalin konnte es keinen Stalinismus mehr geben, das ist der historische Kern der Geheimrede von 1956. Nach Hitler, Mussolini, Stalin schien das Zeitalter der Ideologien vorüber – und wurde 1989/90 endgültig Geschichte. Doch mit dem Aufkommen des allzeit erregbaren Islamismus hat sich das als Irrtum erwiesen. Nur die Geheimrede, die die neuen Gewaltideologien entzaubert, die kann es unter den heutigen Umständen nicht mehr geben.

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