Meinung : Wahl in Berlin: Keine Koalition mit dem Wähler

Brigitte Grunert

Parteien und Direktkandidaten kann man wählen, aber keine Koalition. Und selten war die Koalitionsfrage so offen wie vor dieser Berliner Wahl am Sonntag. Wie die Parteien abschneiden, ahnen die Wähler dank der Demoskopie. Sie wüssten aber gern, wie es hinterher weiter geht, und danach ihre Kreuzchen setzen. 1995 und 1999 war klar, dass nur Große Koalition herauskommen konnte, weil die SPD jede Zusammenarbeit mit der PDS ausgeschlossen hatte. Das tut sie diesmal nicht und lässt alles offen - bis auf die rot-grüne Wunschkoalition und das Nein zur Neuauflage der Großen Koalition.

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Die Partei, die höchstwahrscheinlich die Senatsbildung in der Hand hat, lässt die Wähler am ehesten ratlos. Das nennt man Chuzpe. Klaus Wowereit, der Regierender Bürgermeister bleiben will, lässt sich nicht in die Karten gucken. Die Wähler sollen "Klarheit schaffen", plakatiert die SPD im Endspurt. Ja, wie denn bei dieser Ungewissheit? Sie hören immer nur "Optionen". Wowereit sieht sich in der komfortablen Lage der freien Partnerwahl. Das mag auf den ersten Blick so sein, aber er kann sich leicht im Optionsnetz verfangen. Nach den letzten Umfragen hat Rot-Rot die Mehrheit. Das würde der PDS gefallen, für die SPD und die Stadt wäre es Sprengstoff. Die Grünen wiederum haben keine Neigung zu Rot-Rot-Grün, wenn SPD und PDS schon allein die Mehrheit haben. Bleibt die rot-grün-gelbe Ampel mit der FDP. Es ist ein Unterschied, ob Wirtschaftsliberale mit ins Boot steigen oder die PDS, die gegen Sozialabbau wettert, abgesehen von moralischen Vorbehalten gegenüber der PDS. Warum sagt es Wowereit nicht? Weil er weder den bisherigen Tolerierungspartner PDS noch die FDP verprellen will - ein bisschen viel Pragmatismus.

Auch die Wähler haben ihre Optionen, doch die Streubreite ist bemerkenswert. Wo Politiker keine klaren Präferenzen nennen, kommen auch keine zum Vorschein; die ganze Koalitionslogelei verwirrt. An erster Stelle steht Rot-Grün. Laut infratest dimap wollen 22 Prozent der Befragten die rot-grüne Koalition wieder haben, 13 Prozent wünschen sich die Kombination CDU/FDP, zehn Prozent die Große Koalition zurück, ebenfalls zehn Prozent sind für Rot-Rot-Grün. Für einen reinen CDU-Senat sind sieben, für einen reinen SPD-Senat vier Prozent. Fünf Prozent wollen ein SPD/FDP-Bündnis, und nur vier Prozent sind für die Ampel. Es kann nun sein, dass die Wähler das bekommen, was sie sich am wenisten vorstellen können oder wünschen: Die Ampel. Die FDP macht der SPD Avancen, die Bundesspitze der SPD sähe es gern, und vielen Genossen in Berlin fiele der PDS-Stein vom Herzen. Die Grünen müssten sich zwischen Ampel und Opposition entscheiden. Aber die FDP und die Grünen sind in vielen Fragen wie Feuer und Wasser. Wie man es dreht und wendet, wird die Senatsbildung schwierig. Stabil oder labil, das ist hier die Frage.

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