Wahlpflichtfach Religion : Humanisten und Muslime

Volksbegehren "Pro Reli": Der Kampf um das Wahlpflichtfach Religion an Berlins Schulen wird härter.

Susanne Vieth-Entus

Der Ton wird schärfer. Seitdem klar ist, dass es in Berlin eine Volksabstimmung für eine Aufwertung des Religionsunterrichts zum regulären Schulfach geben wird, bringen sich Gegner und Befürworter mit markigen Sprüchen, mit Drohgebärden, Mahnungen und irreführenden Statistiken in Position. Keiner will etwas verpassen auf dem Weg zum Tag der Entscheidung.

Besonders demagogisch führen sich naturgemäß jene auf, die am meisten zu verlieren haben. Und das ist anscheinend der Humanistische Verband, der über 40 000 Grundschülern Woche für Woche seine Weltanschauung nahezubringen versucht. Der Verband weiß, dass das von ihm unterrichtete Fach „Lebenskunde“ kaum konkurrenzfähig wäre neben den staatlichen Fächern Ethik und Religion: Viele Familien wählen deshalb nur Lebenskunde, weil sie keinen Religionsunterricht wünschen. Deshalb hat der Humanistische Verband ein großes Interesse daran, dass in den Grundschulen der Status quo erhalten bleibt – ohne Ethik.

Eigenartig ist allerdings, wie der Verband nun gegen das Volksbegehren „Pro Reli“ argumentiert: Im Bestreben, Religionsunterricht an sich verdächtig zu machen, zitiert der Verbandsvorsitzende Bruno Osuch aus einem Urteil des Verwaltungsgerichts zur Islamischen Föderation. Dort hieß es, Religionslehrer dürften „aus ihrer religiösen Überzeugung heraus punktuell von der Verfassung abweichende Standpunkte vertreten“. Deshalb darf die Föderation in Berlin unterrichten.

Der Humanistische Verband führt die Öffentlichkeit mit dem Rückgriff auf diesen Richterspruch allerdings hinters Licht: Denn er suggeriert, dass sich das Urteil auf jede Art von Religionsunterricht bezog. Das aber ist grob falsch, denn die Richter zielten ausschließlich auf einen Unterricht, der in alleiniger Verantwortung einer Religionsgemeinschaft erteilt wird. Ohne Frage wäre ihr Urteil anders ausgefallen, wenn es um einen staatlich verantworteten Religionsunterricht gegangen wäre wie ihn „Pro Reli“ will.

Wenn der Humanistische Verband es wirklich so entsetzlich fände, dass in Berlin die Religionsgemeinschaften derartige Freiheiten im Unterricht haben, müsste er selbst sich gegen den Status quo stark machen. Das aber tut er nicht, weil dann der Lebenskundeunterricht keine Chance hätte.

Der Humanistische Verband vergießt also Krokodilstränen, wenn er sich über die vom Verwaltungsgericht festgestellten großen Freiheiten der Religionslehrer beklagt. Er nimmt genau wie die rot-rote Koalition hin, dass die Islamische Föderation im Schutze des Berliner Sonderweges über 4000 Grundschulkinder in ihrem Sinne beeinflussen kann. Niemanden scheint es zu stören, dass in keinem anderen Bundesland die muslimischen Kinder derart indoktriniert werden können wie in Berlin.

„Im Unterricht der Islamischen Föderation fehlt die Außenperspektive, den Schülern wird keine Distanz zur eigenen Religion beigebracht und keine Kritikfähigkeit“, urteilte jüngst eine Islamwissenschaftlerin.

Diese Einschätzung ist in Berlin verhallt. Es geht eben gar nicht um die Kinder. Oder um Toleranz. Sondern nur um die eigenen Pfründe.

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