Meinung : Warum WASG-Sympathisanten den VW-Skandal lostraten

Roger Boyes, The Times

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Vor ein paar Tagen kam ich zu spät, um noch Einlass zu einem Podiumsgespräch im ZeughausKino zu erhalten. Der Portier sagte, der Raum sei voll. Er ließ mich nur rein, als ich behauptete, einen der Organisatoren zu kennen. Er führte ein paar Telefonate und gab die Verantwortung nach oben weiter. Wäre ich Korrespondent in Italien, hätte ich ihm fünf Euro gegeben und wir beide wären glücklich gewesen.

Der deutsche Portier hat sich allerdings korrekt verhalten. Ich habe keinen Zweifel, dass er seine Vorgesetzten davon unterrichtet hätte, wenn ich ihm fünf Euro angeboten hätte. So hat die Welt die Deutschen stets gesehen: Als integre Leute, vielleicht mit einem übertriebenen Respekt für Regeln und Autorität. Und was passiert dann? Sex-Skandale bei VW, BMW- und Daimler-Chrysler-Manager, die Schmiergeld annehmen, Ermittlungen gegen Infineon, Schleichwerbung in der ARD. Kann es sein, dass Deutschland korrupter geworden ist, um wettbewerbsfähiger zu sein? Das würde erklären, warum Deutschland auf der Liste von Transparency International nur auf Platz 15 steht. Deutsche Firmenlenker sind bekannt für ihre Großzügigkeit, wenn es darum geht, afrikanische Minister zum Abschluss von Verträgen zu bewegen.

Tatsächlich haben bestimmte Korruptionsmuster schon immer neben den preußischen Tugenden existiert. Deutsche mögen das nicht gern hören. Der Historiker Götz Aly wird wie ein Nestbeschmutzer behandelt, weil er in seinem letzten Buch argumentiert, dass die Deutschen Hitler aus finanziellen und wirtschaftlichen Eigeninteressen unterstützten. Hitler hatte Deutschlands stolze Generäle mit großen Latifundien und hohen Gehältern gekauft.

Es gibt nichts im deutschen Charakter, das der Korruption prinzipiell entgegensteht. Und natürlich ist Korruption auch keine speziell deutsche Eigenschaft; seit Gesetze und religiöse Normen existieren, war sie ein Wesenszug aller Gesellschaften weltweit. Die hervorragende Ausstellung „Die neuen Hebräer“ im Martin-Gropius-Bau zeigt die Tempelrolle, eine der wichtigsten archäologischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts. In diesem 120 Jahre vor Christus geschriebenen Text steht: „Der Mann, der Bestechungsgeld annimmt und Recht der Gerechtigkeit beugt, soll getötet werden, und ihr sollt nicht davor zurückschrecken, ihn zu töten.“

So hat also nicht nur die Korruption die Jahrhunderte überdauert, sondern auch die Empörung darüber. Aber wann empören sich die Leute und wann sind sie bereit, Bestechung zu akzeptieren? Im Kommunismus zeigte die plötzliche Enthüllung des luxuriösen Lebensstils hoher Parteifunktionäre (Gierek in Polen, Breschnjew in der Sowjetunion), dass die Macht des Führers zerbröselte. Die Quelle der Indiskretion war meistens die Sicherheitspolizei, die zum wichtigsten Element des Wandels im Kommunismus wurde.

Etwas ähnliches passiert nun bei VW. Das Unternehmen hat lange einer realsozialistischen Republik im Kleinen geähnelt. Die öffentliche Zurschaustellung von Peter Hartz sollte offenbar auch Gerhard Schröder treffen, um zu zeigen, dass der Kanzler seine Magie verliert. Wer war für die Indiskretionen verantwortlich? Die deutsche Presse deutet an, dass es entweder ein Vorstandsmitglied war – Gebauer – oder jemand, der Christian Wulff nahe steht. Aber die CDU hat kein Interesse daran, Hartz oder die Mitbestimmung in Misskredit zu bringen. Und Gebauer konnte nicht über alle Geschichten Bescheid wissen, die nun den Boulevard überfluten. Nein, Hartz wurde von WASG-Sympathisanten verraten, die etwas gegen Betriebsräte haben. Der Korruptionsskandal bei VW war Oskars erster Racheakt gegen den Autokanzler.

Es wird mehr davon geben. Oskars Spione in den Großkonzernen wissen, wie korrupt die Beziehung zwischen Management und Gewerkschaftsführern geworden ist. Wenn die Linken zusammenhalten, können sie nicht nur Schröder stürzen, sondern auch die Deutschland AG und ihr bequemes Konsensmodell durcheinander wirbeln. Vielleicht keine schlechte Sache. Aber die Tempelrolle hat noch mehr Ratschläge im Angebot: „Wenn in deiner Mitte ein Traumseher auftritt und dir ein Zeichen gibt: ,Gehen wir, und dienen wir anderen Göttern, die ihr nicht kennt’, dann sollst du nicht auf das Wort dieses Traumsehers hören.“ Korruption ist schlimm, aber nicht jeder, der sie verurteilt, ist gut. Oskars Träume sind nicht unsere.

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