Meinung : Was angemessen ist

„Erbitterter Streit um das Gedenken“

vom 19. März

Lesen Sie das Buch von Jörg Baberowski, „Verbrannte Erde, Stalins Herrschaft der Gewalt“, München 2012. Preis der Buchmesse Leipzig.

Dann verstehen Sie, was die Zeitzeugen in diesem Hause gelitten haben. Es geht nicht allein um „unsere“ Gedenkstätte Leistikowstraße Potsdam – es geht ebenso um das Gedenken an die Inhaftierten und Todesopfer im NKWD-Lager Sachsenhausen 1945 bis 1950. Auch dort kann der Opfer des stalinistischen Terrors gedacht werden – aber nur außerhalb des ehemaligen Konzentrationslagers. Viele Besucher übersehen deshalb die Tatsache: Als die Nazi-Diktatur von den drei alliierten Armeen zerschlagen war – die Sowjetarmee hatte die weitaus höchste Opferzahl zu beklagen – haben Stalin, Molotow und Berija Befehle erteilt, um die Nazi-KZs erneut „in Betrieb zu nehmen“. Man nannte diesen Ort des Schreckens nun nicht mehr „Konzentrationslager“ – sondern (nichtssagend) „Speziallager“. Die Haftbedingungen aber waren katastrophal: Von etwa 50 000 Inhaftierten in Sachsenhausen starben 12 000 Menschen oder jeder fünfte. In allen zehn NKWD-Lagern in der damaligen SBZ (der nachmaligen DDR) aber starben etwa 43 000 Menschen von 123 000 Häftlingen – oder jeder dritte. (Das sind die sowjetischen Zahlen aus der Ära Gorbatschow, 1990). Das alles ist seit Jahrzehnten bekannt – aber noch immer müssen die Häftlinge – die Überlebenden und die Toten – um die gesellschaftliche Anerkennung ihrer menschenunwürdigen Hafterfahrungen streiten.

Gleichzeitig erklärt eine Partei im Landtag Brandenburg mit einer Stasi-

Quote von 25 Prozent (ihrer Abgeordeneten) sinngemäß, das alles sei doch eigentlich „gar nicht so schlimm“ gewesen.

Das Gedenken im NKWD-Lager Sachsenhausen wird hinter die Mauern des

KZs verbannt. Dort gibt es ein „Museum“ – allein dieser Begriff ist eine Ungeheuerlichkeit. Denn in einem „Museum“ verwahrt man Weinfässer oder Spinnräder – aber nicht das Gedenken an die Überlebenden und die Toten des NKWD-Lagers.

In Potsdam geht es daher nicht allein um die Person der Gedenkstätten-Leiterin Dr. Reich, sondern ebenso um die Konzeption von Prof. Morsch. Gerade an ihn geht der Appell: Lesen Sie das Buch von Prof. Baberowski – dann erst werden Sie endlich verstehen, wie zumeist völlig unschuldige Menschen im NKWD-Lager Sachsenhausen gelitten haben – oder im Keller der Gedenkstätte Ehemaliges KGB-Gefängnis Potsdam.

Dr. Richard Buchner, 1. Vors.

des Gedenkstätten-Vereins, Potsdam

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