Meinung : Was ist eine gute Schule?

Foto: privat
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Berichterstattung zu den neuen Aufnahmekriterien an Schulen

In den letzten Wochen verfolge ich mit größtem Interesse die Berichterstattung in Punkto Anmeldeverfahren, Wunsch-Schule und „Schulen mit gutem Ruf“. Dabei drängt sich mir immer mehr das Bedürfnis auf, betroffenen Eltern zumindest ein wenig die „Panik“ bzw. Aufregung zu nehmen. Mein Sohn hatte es tatsächlich geschafft an einer „Schule mit gutem Ruf“ einen Platz zu bekommen. Obwohl die Noten nicht super waren, nur eine Realschulempfehlung vorlag, hatte er das „Vorstellungsgespräch“ prima gemeistert und einen Platz ergattert. Bis wir den Platz sicher hatten, haben wir alles durchgemacht, was die Eltern nun größtenteils auch beschreiben. Ich möchte nun keineswegs den guten Ruf der Schule schmälern, nichts liegt mir ferner! Aber ich würde gerne die Eltern etwas beruhigen, denen es ähnlich geht. Wir haben mittlerweile die Erfahrung gemacht, dass Erfolg oder Misserfolg, Wohlfühlen oder nicht, schlicht von den einzelnen Lehrern (bzw. der „Chemie“ zwischen Lehrern und Schülern) abhängen. Ich habe sogar den Eindruck, dass sich der gute Ruf einer Schule, zumindest bei manchen Lehrern vielleicht eher negativ auswirkt. Wäre das Engagement höher, wenn eine Schule um ihren Ruf kämpfen muss? Aus dem, wie wir den Schulalltag erleben, ziehe ich - aus heutiger Sicht - den Schluss, dass es keine Katastrophe bedeuten muss, nicht den Platz an der Wunsch-Schule zu bekommen. Vielleicht ist eine andere Schule, mit einem nicht ganz so guten Ruf besser für das Kind. Vielleicht fühlt es sich sogar dort wohler oder es wird engagierter gefördert. Die Chemie zwischen Lehrer und Schüler stimmt und alles läuft problemlos – soweit das bei Pubertisten schulisch eben überhaupt möglich ist, aber das ist ein anderes Thema.

Cornelia Wolf, Berlin-Mitte

Sehr geehrte Frau Wolf,

Sie legen den Finger genau auf die Wunde. Wir erleben tatsächlich in diesem Jahr etwas, was so nie hätte eintreten dürfen. Berlin schreibt die Schulreform ganz groß, die Bereitschaft zu Neuerungen ist deutlich zu greifen, und doch läuft so viel schief. Woran liegt das, und was wäre zu tun? Ihre nüchternen, wohlmeinenden Betrachtungen können da weiterhelfen, aber zugleich bedarf es eines zweiten Blicks, der sich nicht scheuen darf, kritisch und scharf zu sein. Ich will das erläutern: Sie haben eine Erfahrung gemacht, die in der Diskussion um „gute Schulen“ untergepflügt wird: Nicht die „Schule“ zählt, wenn es um Qualität, Erfolg und Gelingen geht, sondern das, was im Unterricht zwischen den Menschen abläuft, die im Klassenraum zusammengespannt sind. Da kommt es auf jeden einzelnen an, auf die Lehrer wie auf die Lerngruppe. Und hier beginnt Pädagogik – das Wort bedeutet so viel wie Lenkung, An-die-Hand-Nehmen der Kinder und Jugendlichen um des Lernens willen – ist Ihnen aufgefallen, dass das Wort in den Debatten gar nicht mehr auftaucht? Wenn Lehrer als Pädagogen handeln, widmen sie sich den Begabungen der ihnen anvertrauten Schüler. Sie werden herausfinden wollen, was sie können. Das ist schwerer und zugleich viel lohnender, als nur festzustellen, welche Fehler gemacht werden. Wenn Sie von der „Chemie“ sprechen, die stimmen muss, so zielen Sie im Grunde auf diesen Punkt. Lehrer sollen ermutigen, dann dürfen sie auch unmissverständlich Maßstäbe setzen. Wir alle wissen, dass nur solche Lehrer akzeptiert und „geliebt“ werden. Sie verstehen, von „guter Schule“ muss man pauschal gar nicht reden, wenn man das Grundverhältnis von Unterricht und Erziehung in den Blick nimmt. Und doch schallt von allen Seiten das „Lied der guten Schule“ auf uns herab! Wir werden, wenn wir dieser Verführung nicht widerstehen, uns daran gewöhnen, von guten, mittelmäßigen und Rest-Schulen zu sprechen. Das wäre der Einstieg in einen Schul-Darwinismus, der Schüler wie Lehrer abstempelt und diskriminiert, das Lernklima vergiftet und Dünkel erzeugt. Warum sind wir an diesen Punkt gelangt? Kinder, Schüler sind kein Produkt. Schule ist kein Betrieb. Lehrer bedienen keinen Schalter. Doch das Gerede vom Qualitätsmanagement und der Messbarkeit pädagogischer Leistung und Wirkung will es uns weismachen. Auch das Stieren auf den Notendurchschnitt führt eine entpersönlichte, scheineffiziente Schulwelt herauf. Im Wettrennen um die vermeintlich gute Schule wird das Pädagogische gar nicht mehr gesucht. Zeitdruck, Antworten in Modulen statt Neugier und freies, öffnendes Fragen werden zum „guten“ Standard. Und was macht die Politik? Sie erhöht den Druck auf alles Pädagogische, redet von Qualität und meint Effizienz. Sie lässt zu, dass nach schierem Notenschnitt oder per Los zugeteilt wird. Wenn Sie, Frau Wolf, das Glück hatten, Ihr Kind an einer Schule anzumelden, die sich die Mühe von Aufnahmegesprächen gemacht hat, dann ist diese Schule schon allein deshalb die richtige.

— Martin Reimann gehört dem Leitungsteam des Humboldt-Gymnasiums Berlin-Tegel an.

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